Skip to main content
Internet Archive's 25th Anniversary Logo

Full text of "Die "Capita agendorum" : kritischer Beitrag zur Geschichte der Reformverhandlungen in Konstanz"

See other formats


herausgegeben öon ber 



günfge^ntet SSonb: 

^te ,,Capita agendorum". 

9Son 

Dr. Sari Hermann. 




2Jlünd)eti utib Skrlttt. 
$rucf unb SBerlatj »on 9i Dlbenbourg. 

1903. 



„Capita agendorum". 

in tonpani» 



SSon 

Dr. giatt giefyxmann. 




ajiiittdjen unb SBerltn. 

3)rurf unb SSerlag öon 9t. ©Ibenbourg. 
1903. 



deiner flfcuttei\ 



Inbalts^Veneicbniö. 



©cite 

Einleitung 7—21 

©rfte§ Kapitel: $üüi§ «rief bon 1411 22—27 

3lüeite§ Äabttef: ©in Üteformgutadjten ber UniDerjttät $ari§ . 27—36 
Sritte§ Kapitel: ®ie „Informationen" be§ ©räbifd)of§ $ileu§ 

üon ©enua 37—46 

58ierte§ fatoitet: ©erfon§ ©djrift »De vita spirituali animae* 46—48 

8oinfte§ Äabitel: ®a§ neunte Kapitel ber Capita 48—57 

©ecf)fte§ Äatoitel: ©in »Avisamentum nationis Italicae« . . 57 — 65 

©djlufe 66—67 



Qnlettung. 



Unter ben reichen ©<f)ä£en ber SBtener §of= unb ©taatö* 
6t6Itot§ef fyat eine ^>anbfct)rtft längft bie Derbtente Seadjtung 
cjefunben, meiere all Codex Elstra wianus II. ober Palatinus 
Vindobonensis 5070 befannt ift. ©te befielt au3 üier ur* 
fprünglicrj fel&ftänbtgen Seilen, beren Reiter für bie ©efcfjtdjte 
bei tonfton^er ÄonjtfS üon befonberer SBtdjttgfett ift. @r ent* 
fjält neben anberem bte für bie erfte ^ßeriobe bei $on§it3 fo 
bebeutfamen fogenannten S^emberanträge bei Sat)re<§ 1414, 
fobann aber and) bie befannten Capita agendorum 1 ), 
toetcfje getoiB ntct)t an 2Bertfcf)ä§ung üerloren f)aben, feitbem 
übler il)re naf)en inneren Schiebungen ju ben Äonftonger 
^eformarbeiten feftgeftettt t)at, nnb nacf)bem burdf) Xfdjacfert 
unb ginfe ber 23ett>et§ erbracht ju fein fdjetnt, bajj niemanb 
®eringere<§ al3 ber ^arbtnal «ßeter üon Sliüi al£ if)r 
SSerfaffer ansufetjen ift. 

33i§ üor furjem mar tton ben Capita nur biefe eine 
SBtener #anbfdjrtft befannt. ©er auefj fjeute noefj einige, bor 
^tteilumbert Safjren üon bem Jpelmftebter ^rofeffor Hermann 
öonber^arbt beforgte 2)rucf 2 ) tjat fie als Vorlage benutzt. 



') ®ie ©djrift ttmrbe bi§f)er auä) >tractatus agendorum« genannt, 
mtdfj ^infe gebraust beibe Tanten. @8 bürfte ftdj au§ unterer 9J6= 
rjanblung ergeben, bafj ber obige Stiel ber ©djrift ber urtyrünglid)e ift. 

*) 3n: Magni et universalis Constantiensis Concilii tomi sex, 
tom. I. pars IX. p. 490 ss. unter bem Siteh Anonymi, ut videtur 
Francisci de Zabarellis, Cardinalis Florentini, qui in Concilio Con- 
stantiensi eminuit, Capita agendorum in concilio generali Con- 
stantiensi de ecclesiae reformatione. 



8 



Einleitung. 



Sine gtoeite f>anbfd)rtftltdt)e Überlieferung ber Capita t)at 
§ einriß ginfe öot roenigen Sohren im Codex Palatinus 
595 be§ 3Sotifan§ entbecft, ein barum befonber3 erfreulicher 
gunb, roeil btefe öattfantfcrje £anbfc£)rift einen üollftänbigeren 
Xcrt enthält, al§ bie Sötener, meiere fiel) t£)rerfett§ beutltdj aU 
Sruchftücf gu erlernten gibt. Sin ^eubruef, ber beibe <panbs 
fcfjrtften §u berücffkfjtigen unb ^gleich bie mancherlei oon ber 
£arbtfcf)en 33erfe£)en gu üermeiben £)ätte, tft oon gtnfe mit 
einer frtttfdjen Skfprecfjung ber ©cfjrift für ben groeiten ©anb 
feiner »Acta Concilii Constanciensis« in ?lu§ftcf)t gefteflt. 
23eibe3 fcfjeint ober mit biefem 53cmbe länger, al§ in SlitSftdjt 
genommen, auf fief) marten p (äffen. 

Sftidjt immer ift man ber 2lnftcf)t gemefen, bafe bem SBtfdjof 
Don (Eambrarj neben feinen §al)lretc£)en anbeten SBetfen auch biefe 
©djrtft §u uetbanfen fei. ©er Herausgeber üon ber Jparbt, 
ber bie ©udje naef) ihrem SBerfaffer eröffnete, glaubte @runb 
gu fjaben, itm in bem betühmten Äanomften, bem ®atbtnal 
gabareüa, gu etblicfen. Snbeffen bie alletbingS unbeftreit* 
bäte Satfadje, ba£ gabarella bei ben SBertjanblungen unb 
kämpfen be£ ftonftanjer ®ongil£ eine bebeutenbe ^otle gefpiett 
hat, unb in SBerbinbung bamit bie ebenfo gut begrünbete 23eob= 
acfjtung, ba£ mehtete ©teilen bet Schrift auBerotbentlicf) 
rarbinalfreunbücf) gehalten finb, biefe ®rünbe fonnten in ihrer 
2)ürftigfeit ber Ärtttf auf bie ©auer nicht ftanbrjaiten. @§ 
roährte alterbingS bi§ gum Söhre 1862, baf$ griebrief) 
©tein häufen 1 ) bie mancherlei ^inmeifc be§ £raftat§ auf 
franjöfifche 3uftänbe auffielen unb ba£ er fiel) barum geneigt 
geigte, ben SBerfaffer ehet in bet frangöfiferjen, al§ in ber 
itaüenifchen Nation gu fuchen. $u einer einigermaßen grünb^ 
liehen Unterfuchung ber grage fam er aber noch nicht, unb 
auch § übler 2 ) l»at fiefj tro§ feinet fonftigen einbtingenben 



*) £$n : Analecta ad historiam concilii generalis Constantiensis. 
SBerl. S>iff. 1862, @. 4 f. 

2 ) Sie^ tonftanäer Deformation unb bie ®onforbate üon 1418. 
Seipjtg 1867. 



(Einleitung. 



9 



BehanMung ber ©djrift ber SBerf äff erfrage ferngehalten. @r 
begnügte ficf) mit ber $eftftettung, bafj bie 9?eformfcf)rtft üor 
bem gufammentritt oe § ÄongilS entftanben unb al£ ba$ ^ro= 
gramm ber ^onftanger SReformpartet an$ufehen fei. 1 ) @rft 1876 
hat 9J?a£ ßen§ in feiner benannten (Schrift über bie brei fo* 
genannten ^onftanger £raftate 2 ) bie grage nach ber SntftetjungS* 
gctt unb bem SBerfaffcr ber Capita mieber geftreift unb guerft 
ben tarnen 31ÜU3 genannt, of)ne einen förmlichen Beroei! 
für feine Slutorfdjaft anzutreten ; mehrere geitbeftimmungen ber 
©djrift üerantafjten ifjn, iljre ©ntftefjung in bie «Sommermonate 
be<§ Sa^reg 1413 51t fe|en. 

Balb barauf aber t)Qt Sßaul Xfcf)acfert für biefe SSer= 
mntnngen aitcf) ben regelrechten 95eroet§ erbringen 5U fönnen 
geglaubt, ©ein 2lnffa| im crften 33anbe ber 93riegerfc£)en 
„ßeitfdjrift für S?trdjengefdjidE)te'' üom 3af)re 1876/77 bilbet 
bie ©runMage für bie Beurteilung biefer ^rage, mie fie h eute 
allgemein anerrannt gu fein fcheint. 3 ) Sie (Srünbe, meiere 
fct)on Oon ber §arbt auf einen ^arbinat at§ ben SSerfaffer 
£)tngemiefen Rotten, übernahm Xfd)actert in feine Beroet3füf)rung 
nnb öerooHftänbigte fie; bie Bebenten ©teinfjaufenS bezüglich 
feiner Nationalität machte er §u ben feurigen; unb enblid) 
glaubte er, mit Benutzung bisher unbefannter ^anbfcfjrtften 
bie 5^ette ber Bemeiggrünbe fdjliefeen §u fönnen. ©er ©ang 
feines Bemeife! tft in SSürje fotgenber: 

Sn ber „Apologie be§ Sßifaner Slongitö", einer oon Stillt 
am 10. Januar 1412 üottenbeten nnb Oon Sfcfjacfert im 2ln* 
hange §ur Biographie OTi3 4 ) abgebrueften ©djrift, beruft ber 
SSerfaffer ficf» auf feine bereit! früher ber fir glichen Reform = 
frage gemibmete SEätigfett mit benSBorten: »Taceo etiam hic 

: ) S. 67, 68, 74. 

2 ) ®ret Xraftate au§ bem <Scf)riftensi)fIu§ be§ ftonftanjer ÄonjilS. 
Harburg 1876, ©. 86 Sinnt. 1. 

3 ) ^eubozQabaxeUaZ > capita agendorum« unb i£)r ico^rer SSerfaffer. 

4 ) gSeter bon 2liHi (SßetruS be Slffiaco). gut ©efdjic^te be§ großen 
abenblänbifcfjen ©cf)i§tna unb ber 3teformfon§Üien bon ^ßifa unb Äonftanj. 
9lnf)ang: Petri de Alliaco aneedotorum partes selectae. ©ot^a 1877. 



10 



©tnleitimg. 



-de his, quae intrepidus scripsi super reformatione ecclesiae 
in capite et in membris, super qua re nuper quandam 
«pistolam ausus sum scribere domino nostro papae.« 
$fdjacfert oerftet)t btefe SSorte fo, afö ob 5Iitti mit tt)nen einer- 
fetts auf einen an ben Sßapft gerichteten unb itjn §ur 23ornaf)me 
ber ®ircf)enreform ermunternben ©rief, anbererfeitö auf feine 
jonftige im Sntereffe ber Reform geleiftete fc^riftfteüertfd^e 
£ätigfeit tjinmeifen motte. Wit jenem SBrtef fei ein ©djreiben 
gemeint, meines ^ßeter öon Wßx ärotfctjen bem 7. Sunt 1411 unb 
bem 10. Sanuar 1412 an Sodann XXIII. gerietet fjabe. 
Sene meitere £ätigfeit be£ S?arbinal3 fei aber bisher in $)unfet 
•gefüllt gemefeu. @rft jener 95rief öerbreite über fie ein t)elle3 
Sic^t. 2)enn ba ber tuefentlicfje Xeil be§ 29riefe3 gerabe in ben 
Capita agendorum tuieberfetjre, au§> feiner (Sdjtufjmenbung x ) 
aber t)erüorgef)e, bafj er ein <Sj§erpt au£ einer au<§fü£)rlicfjeren 
9?eformfdE)rift fei, fo tonnten hiermit nur bie Capita gemeint 
fein. 2113 SSerfaffer beö ©riefet fei fomit 5litti audj ofö ber 
^ßerfaffer ber Capita anjufeljen. 

tiefem fcfjeinbar fo flaren unb ein(eucf)tenben @rgebni<o 
gegenüber ruetft Xfdjacfert nun felbft auf eine 9ieit)e oon 93e= 
beuten t)in, meiere ftcf) i&m gegenüber ergeben, menn man nact) 
geftftettung be£ SSerfafferö auc&. bie 3^tt ber SIbfaffung ju be= 
ftimmen fucfjt. £)ie oben fc^einbar bemiefene Priorität be§ 
SraftatS üor bem Srief fefct oorauä, bafc ber Sraftat üor 
ber feiten £ätfte be§ 3at)re3 1411 entftanben ift, mäfjrenb 
•al§ terminus post quem ber ©cbiufj be£ im Straftat met)r= 
fad) genannten Sßtfaner ^on§it§ angufetjen ift. (Sin gteüf)fatt<§ 
oft genannte^, in StuSfidjt ftefyenbeä ®ongtt märe bann ba3 
römifdje, meines ber $apft auf ben 1. Slprii 1412 berufen 
tjatte, unb bie geitbefiimmung ™ oem ^ te * oer Liener ,<panb= 
fdjrift, melcbe auf ba§ $onftan§er Äongtl £)inmeift, märe auf 
9ied)nung be3 2tbfd)reiber3 -ui fefcen. gerner geige bie ©cfjrift 



*) Cum . . . dudum super his plenius scripserim, hanc tarnen 
epistolam nunc vestrae Beatitudini solum pro brevi memoriali 
iiumiliter porrigere dignum duxi. 



GSinleitung. 



II 



an mehreren ©teilen eine au<§gefürocf)en farbinalfreunbltcbe 
Senbena, unb bocb. fotl OTi fie grabe §u einer Seit üerfafjt 
haben, ba er nodj nicf)t ^arbinal mar! ©iefen in ber Zat 
Ieid)tmiegenben ©inmanb toeift Xfcr)acfert mit bem £inroet& 
barauf §urücf, bofe autf) fdjon in ber 3^tt öon 1409 big 1411 
5Itüt in feinem inneren ®egenfatse gu ben ^arbinalintereffen 
geftanben fjabe. ^icfjt fo leidet fei aber über einen anbercn 
(Sinmurf bjnmegäufommen. 

(Sine ©emerfung im 15. Slaöitel 1 ) fe£e borau3, bafc bei 
ber Slbfaffung ber ©djrift <ßaüft Sodann XXIII. bereite brei 
Saljre regiert f)abe, jene§ in 3lu<8fid)t fte^enbe Äongit muffe 
alfo bocf) bo§ ®onftan§er fein unb bie Slbfaffung fönne bocf) 
nur 5tüifd)en ben 17. Wlai 1413, bie britte SSieberfebr öon be& 
$aöfte3 SBabitag, unb ben beginn be3 ^onftanger ^on^IS, 
ben 5. Sftoüember 1414, fallen. SSie (äffe ftcf) aber hiermit 
bie 2lutorfcf)aft 5fiHi3 oereinigen, ba fie bocf) auf ber 9Soraug= 
fe|ung beruhe, bafj ber SBrief beS SaljreS 1411 bem Sraftat 
entnommen fei, alfo einer ©cfjrift, bie minbeften§ §mei 5af)re 
fpäter entftanben fein mu§? 

Sftacf) Xfdjacfert föft ficf) biefer SBiberfOrua), fobafb man 
§mei üerfdjiebene 9?egenfionen ber <Sd)rift annimmt: £)er fur& 
üor 1411 üon SliUi entmorfene Straftat mürbe nicf)t lange bor 
Seginn be3 Äonftan^er $ongif§ im ©cbofee be3 ®arbinal* 
foEegiumg einer Neubearbeitung unterzogen, um nun, ba er tu 
feiner erftcn ®eftaft auf bem römifcf)en ®on%t{, too t% $u 
feinen SReformöerhanblungen fam, nicfjt gur SSermenbung ge* 
langt mar, in ^onftang ben ^eformarbeiten als Programm ber 
Äarbinäle ju ©runbe gelegt §u merben. £)iefe Annahme laffe 
ficf) ^mar nicfjt ftreng bemeifen, fie geminne aber burcf) bie ge= 
legentlidje ©rmätjnung eines anberen 99?itgfiebe3 be§ fjöcfjften 
ftrdt)ttcf)en Kollegiums, beS KarbinafS üon Sßtfa, nocf) an SSafjr* 
fcf)einlid)feit. 2 ) ®rabe biefe @rmät)nung fennseicbne ftcf) neben 



*) Fuit facta in urbe anno tertio domini nostri Johannis con- 
stitutio poenalis, quam debet habere dominus Pisanus. 
2 ) 3m 15. Settel, »gl. 5tnm. 1. 



12 



Einleitung. 



anbeten formellen unb inhaltlichen SBeränberungen al<§ fpätereS 
©infdjiebfel. Sei bem gufammenhanglofen Sf)arafter be§ %xab 
tats fei eS leicht getuefen, §at)lretc^e folget f nberungen unb 
3ufä|jc anzubringen, unb grabe fie feien eine ©igentümlidjfeit 
SKUifcljer ©Triften, in meieren ftet) nidjt feiten Nachtrüge unb 
Neuerungen üon feiner eigenen §anb fäuben. Übrigen^ fei 
bic gmeite Bearbeitung, mie bie erfte, gang im ©inne Wi$ 
gehalten, fo ba>3 man berechtigt fei, furgroeg ben Sötfd^of Don 
©ambrat) al§ ben Urheber bei Oorliegenben £rartat£ angufehen. 
©o erfläre fidj auch au f § natürlidjfte ber grofee ©influf], 
roelcfjen bie Schrift auf bie Neformarbeiten in Sbnftang au3= 
geü6t habe. , 

3um ©djlufe feiner Unterfuchung macht Sfdjacfert, mie er 
fagt, eine $robe auf bie Nichtigfeit tf)re3 @rgebniffe3, inbem 
er einen Vergleich gmifetjen unferm Xraftat unb §tpetfetto^ 
echten Slittifdjen (Schriften aufteilt, befonberS ber öon s ?(iIIi am 
1. Notiember 1416 öeröffenttidjten Schrift »de reformatione 
ecclesiae«. Stuf formelle unb inhaltliche Unter) Cetebe ift 
Xfctjacfert babei üon oornherein gefaxt, ba er fie in einer 
fpäteren Schrift nur begreiflich finbet. 2Iber auch \° fc£|einen 
ihm bie bejeidjnenben Übereinftimmungen gmifchen ben Capita 
unb jener 9Reformatton§fcf)rift für feine Schlußfolgerung gatjlretcf) 
genug gu fein, gumal er charafteriftifche N JNerfmaIe be§ SraftateS, 
melche in »de reformatione« fehlen, in anberen nachmeisSbar 
Sttßtfchen (Schriften miebergufinben glaubt. Sludj bie fonftigen 
Unterfchiebe erfcheinen ihm nicht mefentlid) genug, um einen 
^rneifel an Stutorjdjaft gu begrünben, ba er ihnen eine 

gange Neit)e üon Stntttdjfeiten entgegenguftellen hat. 

Nach ^fcf»ac£ert hat ginfe groeimal ausführlicher gu 
unferer grage ba§ 2öort genommen, guerft im $at)re 1889 in 
feinen „gorfdjungen unb Quellen gur ®ef Richte be£ Stonftanger 
tongilS". Sie bereits ermähnte (Sntbedung ber oatifanifchen 
^anbfdjrift öerantafete ihn, ba fie gegenüber ber Sßiener &anb* 
fchrift unb bem uon ber £arbtjdjen £)ru<f einen oollftänbigeren 
%c& enthält, ba<§ Ergebnis ber BemeiSführung SfdjatfertS auch 
für ben ungebrueften L XeiI gu erproben. @r fanb e§ burdjauS 



(Sinteitung. 



13 



beftätigt. Sa, nod) beuttidjer al3 in bem gebrudten £eit, 
meint er, trete tjier bie genaue Kenntnis ber frangöftfdjen 
guftänbe fjerüor, unb genau tote jener ftimme audj ber un= 
gebruefte Seil in einzelnen ©tüden mit ben öon Slilli fonft ge* 
äußerten 2lnfid)ten überetn. Wucf) roa§ bie ßeit unb bie 2lrt 
ber ©ntftefjung be§ XraftatS betrifft, fo finbet Xfc^acfert mit 
feinen 3(uffteüungen ben üollen 55etfaU ginfeS, melier feiner* 
feit<§ einen anberen §anbfd)riftenfunb im ©inne jener 9tuf= 
fteüungen gu oermerten fudjt, inbem er ein 9faformgutad)ten 
ber ^arifer Uniüerfität für eine aus bem 3af)re 1411 ftammenbe 
Vorarbeit be£ Xraftat3 erflärt. 

©ein Urteil fafcte ginfe bamal3 fo gufammen: „2Sie bie 
©d)rift 2>ietrid)!§ öon 9?iem ,Ü6er bie 9cotroenbigfeit einer ®ird)en= 
reform' un§ in üerfdjiebenen Bearbeitungen ermatten ift, mie 
2lnbrea3 üon (Säcobar feine ®efc&,icf)te ber ©dornen 51t Oer* 
fdjiebenen Reiten umarbeitete, fo aud) bei bem »Tractatus 
agendorum«, mo llmänberungen um fo leidjter anzubringen 
maren, als bie Borfd)läge fein feftgefügteS ®ange bilben, fonbern 
nur lofe aneinanbergeftopüelt finb, in 2(u<§brüden, loeldje ben 
üerfdjiebenen Urfprung offen erfennen laffen. 2)afj ber ®arbinal 
oon Sambrat) bie Umarbeitung felbft üollgogen, ift mof)l ot)ne 
3lüeifel angune£)men." x ) 

Sin biefer Beurteilung ber Capita t)at ginfe aud) fpäter 
im großen unb gangen feftget)atten. 8m Sat)re 1896 nennt 
er im erften Banbe feiner neuen Konftanger Duellenpublifation 
bie Capita eine mistige Slillifdje 9?eformfd)rift, beren beibe 
nunmehr befannte §anbfd)riften üor Beginn be§ tonftanger 
Stongite fertiggefteüt feien, wenngleid) er fie für feine felbftänbige 
Arbeit, fonbern für eine oberflädjlidje Kompilation erftären mu|. 2 ) 

Quid) £fd)adert begrünbet unb öon $tnfe im toefentltdjen 
beftätigt unb geftü^t, ift btefeö Urteil über bie Capita fjeute, 
man fann tnof)l fagen, allgemein anerfannt, unb bementfprecfjenb 

*) gotfcfiungen unb Oueüen ^ur ©efdjidjte be§ Äonftanjer ßonfrlZ. 
5ßaberborn 1889, ©. 117. 

s ) Acta concilii Constanciensis. 1. SBanb : Stften jur 33orgefc£)tcf)te 
be§ Äonftanäer gongte 1896, @. 112. 



14 (Einleitung. 

f>at audj Sßottf>aft in ber feiten Auflage feitteö „SSegtneiferS" 
bie Capita unter „$ßetru3 be SMiaco" regiftriert, nadjbem 
fcf)on früher Dttofar Soren§ im feiten 23anbe feiner „®e= 
fcf)itf)t3quellen" anerfannt tjatte, bafj £fct)acfert fie mit gutem 
®runb für ^ßeter öon Sliüi in Shtfprudj genommen unb fie 
alä fein Eigentum ertuiefen Ijabe. 1 ) ÜfteuerbingS f)at nodj 
9D?artin@oud)on biefe Sluffaffung fict) angeeignet 2 ), toäfjrenb 
knöpft er bie (Snttuicflung biefer $rage ignoriert unb bie Capita 
nodj 3 aöare; tt a auftreibt. 3 ) $u allerletzt tjat fid) auct) Sßoel 
$aloi§ ber Xfct)acfert=gtnfefcr)en Stoff äff ung angefct)toffen. 4 ) 

2)a<o (Sfjarafterbilb StilliS, mie e§ t)eute nad) mannen 
<5d)tt>anfungen enblid) feftguftetjen fdjehtt, ba£ Urteil im be= 
fonberen über feine 35emüt)ungen im Sntereffe ber ftHrdjenreform, 
berutjt gum nid)t geringen auf ber 9lnnaf)me, bafj neben 
ber 9?eformf(±)rift be<§ 3al)re3 1416 auct) bie Capita auf feine 
Sftedmung ju fefcen finb. 2ln bem intjattttctjen Unterfd)iebe 
beiber ©Triften glaubte man förmtid) feftftellen gu fönnen, 
tuie fid) bie 5lnfid)ten be3 ®arbinat<§ in gemiffen fragen im 
Saufe ber Saf)re 1414 bi§ 1416 entroidelt Ijaben. Unb ntrf)t 
nur biefeä (£in§elbilb £)ängt mefenttid) öon ber grage ab, ob 
in ber %at Slilli bie Capita gugufdjreiben finb. 5to3 bem öon 
Sfdjadert aufgehellten 8a|e, bafj ber erfte ©ntmurf ber Capita 
im ©djofce be3 $arbina!foIlegium3 umgearbeitet morben fei, 
tiat man midjtige @d)lüffe auf bie Stellung gebogen, toeldje 
bie römifd)e Slurie gu einer gemiffen 3eit gur SReformfrage ein* 
nafym, unb auf bie Sätigfeit, meldje in biefer 3£td)tung in ben 
Greifen ber Äarbinäle entfaltet nmrbe. 

@3 ift flar, bafc eine £böott)efe, menn fie §u foldj meit= 
fidjtigen ^onfequenäen fü^rt, ftarf üeranfert fein mufe unb bafe 



*) 3. Auflage, @. 370, 2Inm. 2. 

*) 2)ie ^apfttoa^Ien in ber Seit be§ großen ©d)t§rrta§. ©ntoicflung 
unb 93erfaffung§fämpfe be§ ®arbtnalate§ üon 1378—1417. 2. S3anb 
1899, @. 123, unb 2lnm. 6, ©. 158. 

3 ) @. Se^rbud) ber ÄtrdjengefäW&te, 3. Slufl. 1902, @. 506, Slnm. 1. 

4 ) ^tn 4. SBanbe feine§ grunblegenben 2Berfe§: La France et le 
grand schisme d'Occident, $ari§ 1902, ©. 203 f. 



(Stnletttmg. 



15 



man gerabe in einer $rage, lote ber oorliegenben, ®runb zur 
größten Vorficht hat, wenn man bebenft, meieren Veränberungen 
ba3 Vilb fcfjott unterworfen geWefen ift, ba§ man ftdE) üon 
mehreren ber füfjrenben ©eifter au3 ber $eit ber großen Sirchen= 
fpattung unb ber fonjiltaren VeWegung gemacht t)at. $u e ^ ner 
Nachprüfung ber Xfdjacfertfdjen Veweiäführung liegt aber um 
fo mehr Slnlafe bor, afö gerabe einer ber beften Kenner auf 
biefem (Gebiete, §einric§ gtttfe, bem an fidj gewife berechtigten 
SSunfche, für bie gahtlofen anontjm überlieferten ©cfjriften au§ 
ber 3eit be3 ^ifaner unb be§ Sonftanger Konnte ben Verfaffer 
feft^ufteEen unb fo ben erften notmenbigen ©djrttt gu if^er 
t)tftortfct)en Verwertung zu tun, über ba<§ gebotene äJtofe fymu$ 
unb in etwa auf Soften ber gewiefenen Vorfielt Nedmung z u 
tragen fdjemt. ©ein Sfaffafc über bie literarifcfje Stätigfeit ffli£ 
ift erfüllt oon §t)pottjefen unb Vermutungen, benen jumeift jeber 
bnrd)fcf)tagenbe ©runb fehlt, unb biefelbe Voreingenommenheit 
mag it)n getjinbert haben, Xfdjacfertö §typotf)efe objeftio ju prüfen, 
©ine eigene Nachprüfung tjat mich nun fet)r batb gu ber Über* 
Zeugung gebracht, baf} auch oer Annahme, in ?liüi ben Verfaffer 
ber Capita zu feiert, bie nötige feftgeanferte Vegrünbung fehlt. 

Set) manbte mich ötctd^ bemjenigen 9J?omente §u, mit 
Welchem XfdjacfertS unb ginfe3 Sluffaffung in unferer $rage 
fteht unb faßt, ben Veziehungen §tuifct)en bem oietgenannten 
Vriefe au§ bem Saljre 1411 x ) unb bemjenigen £cil ber 

Capita, oon beffen „faft wörtlicher" Übereinftimmung mit 
jenem Vriefe Xfchacfert fpridjt, ohne auf Einzelheiten unb ba§ 
9ttafj biefer Übereinftimmung näher einzugehen. @«§ erfcfjten 
mir ai§> eine Hauptaufgabe, biefeö nachzuholen, unb babei ergab 
fiel) halb bie (SrfenntniS, bafj bie beiben ©tücfe noch mehr, 
Wie Stfct)acfert anzunehmen fcf)eint, unb auch me ^ r aßerbingS, 
wie ber oon ber §arbtfct)e $)rucf auf ben erften Vlicf ernennen 
läfjt, miteinanber übereinftimmen. 

2)er Stejt bei üon ber §arbt enthält eine gange 9?eit)e 
oon Unoerftänbtichfeiten unb Unebenheiten, bie man für eine 



') ©ebrueft bei 3>u|nn, opera Gersonis IL 882 f. 

.fuftorifcfje SBi6Iiotf»ef . XV. 



2 



16 



©Weitung. 



neue 5lu3gabe ber ©djrift aud) otjne ljanbfdfjrtftltdje Unterlage 
lebigtitf) nad) ben Regeln totjiloto gifdjer Stertfriti! au^umerjen 
fucfjen würbe. £>a3 gilt int befonberen aucfj für benjentgen 
Seil, ber mit bem Mifdjen Briefe übereinftimmt. @3 tft bteö 
ber tetjte Seil be§ öierten ®afcitel§, meldjer mit ben Sßorten 
»item aperiendi essent« beginnt. 

®teid) im feiten ©ai^e 1 ) ftetjen bieSßorte: contra prae- 
cedentis ecclesiae Schismata. (5§ tft bie 9tebe üon Wlafy- 
regeln, meiere man früher gegen bie SBieberfefjr üon SHrcfjen* 
fpattungen getroffen habe. £>a praecedentis in SSerbinbung 
mit ecclesiae leinen ©hm gibt, faffen mir e3 finngemäfc aU 
Attribut im Schismata auf unb nehmen ba§u bie fleine $Cnbe* 
rung in praecedentia öor. 

Sm britten ©a|e 2 ) üermifet man in bem Sftelattofff&djen 
»ex quibus et tarn diu proh dolor firmatum« ein est 
fjinter firmatum unb ein bem et borfiergefienbeg unb eben 
burcJ) ba§ et bem firmatum est foorbhtterteS gtoeitei geitmort 
im sßerfeftum Sßafftot. 

Sm fünften @a| 3 ) tterben bie ©rünbe für ba§ gegenmärtige 
«Stigma aufgegärt unb an Reiter ©teile mirb ba genannt 
bie Söeeinträctjtigung ber 233ar)£frett)ett burefj ben Stufftanb be3 
römifetjen $otfe§, ttetcf)e bie 3G3ät)rer (Siemens' VII. afö ©runb 
für bie Annullierung ber 2Saf)I Urbane VI. %u fpät gettenb 
gemacht Ratten: »secunda, tunc cardinalium longa dissi- 



*) ®er gloette ©a§ lautet : item sanetorum patrum sequenda vesti- 
gia, qui contra praecedentis ecclesiae Schismata in conciliis genera- 
libus futura remedia praeviderunt, ne similia ulterius orirentur. 

*) 33et gcinje britte ©a£ lautet: essent primo considerandae princi- 
pales radices et occasiones praesentis schismatis, ex quibus et tarn 
diu proh dolor! firmatum, ut nullum aliud simile fuisse legatur. 

s ) S)er <Saj5 lautet fo : Ponamus ergo exempli gratia, quod tres 
fuerint radicales huius schismatis causae, prima, Romanorum sedi- 
tiosus tumultus ; secunda, dominorum tunc cardinalium longa dissi- 
mulata tardaque allegatio sui metus; tertia, ambitio papatus, quia 
natio urbis (Avinion) diu papatum tenuerat, alia vero contra cu- 
piebat papam habere Romanum vel saltem Italicum. 



Einleitung. 17 

mulata tardaque allegatio sui metus.« Studj in biefem 
©äfcdjen ftedt eine Unebenheit. Sine dissimulata allegatio 
fann eS faum geben, unb toenn man auch eine getotffe $reit)eit 
im 5luSbruc! gugeftc^en toiH, fo Verlangt bod) bei* «Sinn, baß 
man Betbe SBorte gleichmäßig mit metus üerbinbet, nmfjrenb 
anbererfeitS bie enge Berbinbung §tt»tfcJ)eit dissimulata unb 
tarda totberfinntg erfcfjetrtt. Söttt man aber bieS ntcr)t gelten 
laffen, bann ergibt ficf) nocf> eine anbere Unforreftfjeit, inbem 
man anftatt longa jebenfaES ein Slbüerbium erwarten muß. 
Sebe ©djtotertgfett tft aber befeitigt, fobalb man dissimulata 
auf eine ©tufe mit allegatio bringt burcf) bie itmttmnblung 
in dissimulatio. 

®in britter ©runb für ben StuSbrucf) ber Sftrdjenftmituna, 
im 3af)re 1378 rairb in bemfelben ©afce bann fo üorgebracfjt : 
» Tertia, ambitio papatus, quia natio urbis (Avinion) diu 
papatum tenuerat, alia vero contra cupiebat papam habere 
Romanum vel saltem Italicum.« @S ift ftar, baß t)ter bie 
Utebe ift üon bem nationalen ®egenfa| unb ber nationalen 
(Siferfudjt gtütfd^en Italienern unb grattjofen unb oon bem 
3ßunfcf)e ber Italiener, enbtich lieber einmal einen Sßapft auS 
ihren 9?eif)en Verborgenen §u feigen, nad)bem bie granjofen 
fo tauge ber SBelt ben (Statthalter (Sf)riftt geliefert f^to- 
2)te ©tabt 5loignon tjat bei biefer ambitio papatus als ©i| 
beS frangöftfctjen $ßabfttumS unb als gefährliche ßonfurrentm 
9?omS getoiß eine ^otte gefpiett. Slber im obigen ©a£e ift 
ber 2luSbruc! natio urbis trotj ber beigefügten (Srflärung un= 
oerftänblich. Wart muß bei natio ein ©ubftantiü im ®ene* 
tiüuS partitiüuS ermarten, welches feinem begriffe nach um= 
faffenber ift als natio, roelcheS üerfcf)iebene Nationen umfließt. 
•<5S liegt fomtt nahe, für urbis baS Sßort orbis emgufefcen 
unb baS in klammern beigefügte Avinion für ben gut* 
gemeinten, aber mißglücken £>eutungSüerfucf) eines SlbfcljreiberS 
ober beS Herausgebers %u halten. 

Pehmen mir nun nach liefen SSerbefferungSüerfuchen ben 
Brief 2KKtS jur £anb, fo ergibt ftdj, baß unfere Berichtigungen 
<m allen üier ©teEen bem £e£t beS Briefes entfpredjen : t)kv 

2* 



18 



(Einleitung. 



ftet)t richtig praecedentia; t)ier lautet bcr erttmlmte SRelatiti* 
fatj>: ex quibus ortum et tarndiu proh dolor firmatum 
est; £)ter fyeifjt e§: longa dissimulatio tardaque allegatio 
sui metus; unb für urbis ftef)t tjter in ber %at Orbis ofjne 
ba§ eingeklammerte Avinion. 

(Somit bürfte e<§ nic£)t $u gemagt erfdjetnen, menn mir an 
anbcren ©teilen ber Capita gelotffe Unoerftiinblicl) feiten ober 
Unebenheiten gleict) buret) bie (ümtfetntng be§ SBrtefte^teg öerfceffern, 
5umal bann, menn fief) buret) eine lautliche 2lt)nlicf)feit ba<§ 
Qcntfteljen ber geiler erflärt. @o fetjen mir unbebenflidj an 
©teile bes> prineipatum ad libitum obtinere: papatum 
ad libitum obtinere, ftatt obscuratione : obstinatione, ftatt 
Privilegium : plurimum. 

SludE) ber le|te ©atj be§ gemeinfamen ©tücfeö ift in ben 
Capita tion ber £>arbt§ nidjt frei uon Unebenheiten. @r lautet 
^ier 1 ): »Item super praemissis aliisque reformationem ec- 
clesiae concernentibus ante celebrationem concilii expe- 
diret, a sede apostolica certos commissarios deputari, qui 
examinata et diligenter discussa materia tradendorum 
per eos digesta referrent, priusquam venirent in publicum 
et maturius e generalis sacri autoritate concilii omnia 
concluderentur.« 9xact) biefem Xejt rairb alfo ber 23orfcl)lag, 
gemalt, ber apoftoltfcfje @tut)t möge bor bem beginn be§ 
®on§il§ (ober eines? ®on$tl3) jutr Beratung ber oortjergenannten 
unb anberer 9Reformt>orfdjIäge eine Äommiffion nieberfefcen, 
meiere bie ÜDraterie ber p Übergebenben fünfte prüfen unb 
forgfam bigfutteren unb bann über ba<§ oon tf)r SSerljanbette 
33ertd)t erftatten möge, beoor es in bie Öff entltctjfeit gelange 
unb fcfjteunig mit ber Autorität be§ heiligen ©eneralfonjifö 
afle3 jutm Sefdjlufe erhoben mürbe. 

9xic£)t meniger al<§ brei Unflarljeiten ober Unebenheiten 
finben fiel) in biefem ©atje. 3 utl öct)ft ift ber 2lu<3brud materia 
tradendorum gum minbefteu ungemötjnlicl) ; bei bem SBerbum 
fehlt ein S)atiü. SBenn mir ftatt beffen materia tractandorum 



J ) ö. b. §arbt I, 512. 



Einleitung. 



19 



einfetten wollten, fo fjätten mir einen gang geläufigen ©imt 
fjergeftellt, ofjne eine mefentticfje 2'lnberung üorgenommen yd. 
rjaben. gerner fefjtt bei bem $erbum referre ein 2)atib %vlx 
SBejettfittung berjenigen ^erfon, melier bie getoünfdjte Äommiifton 
Sertdjt erftatten foll; ftnngemäfe märe etma'papae ober sedi 
apostolicae 51t ergänzen. (Snbltc^ tft ber letjte ©atjteit, fo 
tüte er üorliegt, redjt unflar fonftruiert. @3 liegt trjm folgenber 
<$ebanfengang 51t ©runbe: „Seüor bie &ffentltdfjfett Oon ben 
SKeformprojeften ber ^ommiffion t)ört, fotl fie bem Sßapft 
barüber Sericfjt erftatten, unb bann foll alles fcfjleunig öom 
$ongil 311m Söcfd^tufe erhoben merben." tiefer ©ebcmfengang 
ift gang f c£)tef miebergegeben, inbem öon priusquam gleicfj* 
mü^ig gmei garnic£)t foorbinierte ©ebanfen abhängig gemalt 
merben, bie 3$ert>ermltdjimg ber ®ommiffion<§üorfcl)läge unb bie 
fonjiliarc Söef c^t ufef äff ung . $)ie festere ift bocf) bei bem ©angen 
bie Jpauptfadje, unb bie (Srtebtgung in bem $ftebenfa|e mit ber 
unlogifcrjen SSerbinbung priusquam . . . maturius (beuor 
tmlbigft!) beutet flar auf eine Xejtoerberbniio Inn. 

S)iefe fämtlictjen brei Unebenheiten nun berfcfjminben, wenn 
mir roieber ben £ejt ber Epistola §u diäte gießen. @r be* 
ftätigt $um Seil unfere ^onjefturen, gutn Seil liefert er eine 
letdjte ßöfung ber entftanbenen fragen. 5lu ber erften ©teile 
enthält ber 93rief tatfäcrjtidj ba£ SSort tractandorum an 
©teile be<§ tradendorum ber Capita; mir Oerbeffern alfo 
aucrj fjier ben Xcjt ber letzteren mit §ilfe be§ 93rtefte£te§. 
$ftict)t minber leicht t)ebt ftc£) an ber britten ©teile alle ©cfjmierig* 
feit, menn mir an bie ©teile be<§ et ber Capita baä ent= 
fprecfjenbe, lautlicfj fo nafjefteljettbe ut be§ Briefes einfe|en. 2ltt ber 
gmeiten ©teile enblict) gefjt in ber Xat im Srieftejt bem referrent 
ein 3)atto ber ^ßerfon t>orau3 unb §mar and) berjenigen Sßerfon, bie 
mir in ben Capita bem ganzen gufammenrjang uac§ bermifcten, 
nur in einer unerwarteten $orm. $n bem an ben $apft ge* 
richteten S3rief lautet biefer SDattt) vestrae Sauctitati, mäljrenb 
mir, ber gorm be§ ©efamttraftateS entfpredjenb, ber fonft reine 
©pur einer 5lnrebe ober Briefform geigt, papae ober etma 
sedi apostolicae eingufetjen gebauten. s Jkcfj Analogie jener 



20 



©inleitung. 



gasreichen gölte finb mir nun aber and) t)ter berechtigt,, bie 
Unebenheit be§ £raftate3 burcf) eine Bemühung be§ forrefteren 
93rtefterte§ ausgleichen. 

üftacf) biefen Verbefferungen be§ ötelfadt) berberbten STejte§ 
ber Capita ftehen mir bor ber Xatfadje, bajs toett mehr, tuie 
Sfcrjacfert angenommen §n Jjaben fctjeint, ber £e£t be<3 9XtlItfct)en 
Briefe^ mit bem legten Steil be<3 bierten ®abiteb§ ber Capita 
übereinftimmt, bor allem, bafj bte birefte ?Inrebe (vestrae 
Sanctitati), bte im Briefe berftänbltcf) nnb angebracht ift, auch 
in ben Capita öorfommt, mo fie unberftänblicE) unb ber fonft 
borherrfdjenben gorm ber (Schrift miberjbrecrjenb tft. ^ad) ben 
Regeln ber tytftortfdjen ®ritif mufe man annehmen, baf$ fytx 
bie STatfache unüberlegter Benutzung unb unbebauten %Vo- 
fd£)reiben§ borliegt, bajj ber Verfaffer ber Capita bie Epistola 
aU Vorlage benutzt t)at unb bafj ntctjt umgefefjrt bie Epistola 
ben Capita entnommen ift. &ann !ann man aber nicht mef)r 
behaupten, bafj Slitti als ber Verfaffer beg 29rtefe§ auch bie 
Capita berfafjt haben muft. 

SDte befonbere Bebeutung, roetcfje fomit ber genauere Ver- 
gleich ätütfctjen bem Briefe unb ben Capita für bie Beurteilung 
ber letzteren getoann, mufjte e§ ermünfcht erf feinen laffen, bie 
Vorlage ber üon ber £>arbtfc£)en 2lu3gabe, bie SSiener §anb- 
fchrtft felbft, um Slu^funft anzugehen. Bei ber befannten Un- 
äuberläffigrett bon ber §arbt£ liefert ftcf) erft au3 einem Ber* 
gleiche §lt)tfct)en ihrem STejt unb bem be§ Briefen burchau§ 
fixere ©djßtffe erhoffen, bie alle S^onjefturen unb Analogie- 
fd)Iüffe überflüffig machen mürben. @3 fei tü er 9^ feft* 
geftellt, bafj bie ©inficht ber §anbfcf)rift meine £>t)bothefe böHig 
beftätigt unb fomit meine urfbrüngli<f)en gtueifel on oer 
Sfachtigfeit ber Xfchacfert^infefd)en SluffteEung gerechtfertigt 
hat. Slufeer ber SKiberlegung be<§ §aubtbunfte§ mufete nun 
aber auch e t ne Befbrectjung ber Bemeioftücfe §metten unb britten 
$ange3 münfchenSmert erfcheinen, um mögtichermeife bem 
negatiben ein bofitibe<5 @rgebni§ t)tn§u§uf ü gen unb ber unter 
aßen Umftänben toichtigen ©djrtft nach Befeitigung ihrer bi& 
herigen falfdjen Beurteilung ben gebührenben Sßlatj unter ben %a1)U 



Einleitung. 



21 



reichen Beugen Überreften ber fon^iliaren unb reformatorifcfyen 
Sßemegung bei 15. 8af)rJ)unbert<§ anjunjetfen. ©amtt aber 
ergibt ficf) für uns bie Aufgabe, e<§ bei einem SSergtetc^ §mifcfjen 
Sßrief unb Straftat ntc£|t bemenben $u laffen, fonbern in erfter 
Stnie ben lederen mögticfjft auf feine f amtlichen Duellen gitrücf= 
pfüfiren. 2)ie ficf) f)ierau§ ergebenben <3c£)lüffe, im befonbern 
für bie Slbfaffung^eit ober bie gufammenfteüung bei (fangen, 
§ufammenge^atten mit feiner eigenartigen äußeren gorm, bürften 
bann ju einer Sluffaffung führen, melier aud) burcf) bi^er 
mit £Recf)t beigebrachte, fdjeinbar entgegenftef)enbe (SefidjtSpunfte 
fein 5(bbruc§ gefcf)ief)t, unb bie un3 bann befonberS geficfjert 
erfcfjeinen fann, roenn fie burcf) anbermeitige Überlieferung 
SBeftätigung finbet. 



©rfteg Kapitel 



mm Brief uoti im. 

2Btr beginnen unfere Unter) uc^ung naturgemäß mit einer 
Ouellenanafyfe unb gtoar an bem fünfte, melier für bie $rage 
natf) bem SSerfaffer ber Capita bisher entfdjetbenb gemefen ift, 
b. t). mit bem SSergtetcf) gmifcf)en biefen unb bem Briefe 5lilli§ 
bom Sat)re 1411. Wtit Senkung ber SSiener $cmbfdjrtft ge^ 
ftaltet ftdf) biefer SSergleict) außerorbenttid) etnfad). 2)ie SReful* 
täte, bie mir oben in btefer S3e^iet)ung erhielten, merben burdj 
bie $anbfdjrtft burcömeg beftätigt, bor allem fomeit e3 hierbei 
auf bie fritiftfje ©teile im legten ©a| ber Capita anfommt. 
üftad) Analogie gafjtretcfjer $ätte fyatten mir feftfteEen tonnen, 
baß tjter bor ben Sßorten »per eos digesta referrent« bie 
Söorte »vestrae Sanctitati« au3 bem Briefe tjerüberäimefjmen 
ftnb. Sn ber $cmbfdfjrift finben ftcf) nun in ber %at an btefer 
©teile groei ©tfjriftäeidjen, meiere bon ber §arbt in fetner 3lu8* 
gäbe nitfjt miebergegeben £)at, ein beutlicfje§ v unb ein meniger 
un^meibeutige§, motjt bermifcf)tej§ S, alfo bie fibltdjen Wür§ung3= 
geietjen für bie bon un§ fcfjon auf anberem 3Sege gefnnbene 
(Srgän^ung. 9}ftt ber größten 33eftimmtt)eit fönnen mir fetjt 
alfo ben ©cfjluß mieberfjolen, ber fid) oben fcfjon mit großer 
2öaf)rfct)eintid£)feit au<§ biefer ©rgänpng ergab: £)ie birefte Sin* 
rebe an ben Sßapft, bie mir t)ter bor un3 tjaben, ift in bem 
Briefe etmaä ©elbftberftänblicn,e<o ; in bem £raftat bagegen ift 
fte, menn nicfjt unberftänblidj , fo bod) auf§ t)ödjfte über* 
rafdjenb. £)enn in ber ganzen übrigen ©dnift finbet ftd) 
leüterlei foldje Stnrebe ober eine fonftige ©pur be<o 23riefftite3 



«UH8 SBrief öon 1411. 



23 



mieber. äftüfjten mir ba§ @an§e für eine in bie gorm eines 
Briefes ober einer ?(ttfpracr)e gefleibete 9teformfc£>rtft galten, 
fo bürften mir eine folcfje Anrebe bod) roenigftenS nocfj einmal, 
minbefteng aber audj §u Anfang ber ©djrift erwarten. 2)a3 
einmalige, unpaffenbe SBorfommen ber Anrebe bagegen beutet 
barauf t)in, bafj fie infolge oberflächlicher 93enufcung beS SBrtcfeö 
in ben Xraftat hineingeraten ift. 

Qu btefem ©djluffe, bafe ber SSerfaffer ber Capita ben 
£*rief als Duelle benutst t)at, führen aber aud) nod) anbere 
©rmägungen. 2)er in 9tebe ftefjenbe 23rief AilliS bietet an ftdj 
nicfjtg Auffälligem; er ift logifd) richtig aufgebaut, baS Sine 
folgt ungeättwitgen au3 bem Anberen, feine gornt ift abgermtbet 
unb abgefcf)loffen. SöaS ben 3nt)att betrifft, fo gliebert er ftd) 
in ätoei fdjarf Ooneinanber getrennte £eile, öon melden ber 
eine SßorbeugungSmafiregeln gegen ben AuSbrucf) neuer ^irctjen^ 
fpaltungen, ber anbere eine Empfehlung ber firchtid)en Reform 
enthält. erften Seil werben bret llrfacfjen beS beftetyenben 
©chiSmaS aufgellt unb btefen entfpredjenb breiertei äWafc 
regeln gu tt)rer fünftigen SSermeibung Oorgefcljlagen. Sm ^weiten 
Steil wirb bie lange 2)auer be3 gegenwärtigen ©ctjiSmaS auf 
bte SReformbebürfttgfett ber firdjlicfjen .ßuftänbe gurüdgefütjrt. 
£)iefe Reform fott aber mit ber römtfd)en Äirdfje, bem §aupt 
aEer anberen Ätrdfjen, beginnen, unb üon ba erft pr Sßeuge* 
ftaltung ber ©lieber übergeben. wirb betont, in eine meld) 
günfttge Sage bie römifdje $ird)e gegenüber ben weltlichen 
dürften ftdfj bamit bringen Werbe, Weil fie biefe bann um fo 
nad)brüdlid)er §ur eigenen Deformation unb §um ^rieben unter« 
einanber anhalten fönne. gerner folle man, wie e3 aud) etnft 
auf einem ^on^il p Stjon (1274) gefdjetjen fei, fo aud) jetjt 
einen allgemeinen Äreujjug befdjliefjen, nicht allein gum ©c£)u^e 
beS ^eiligen SanbeS gegen bte Ungläubigen, fonbern aud), um 
bte gried)ifcrjen unb anbere ©djiSmattfer in ben ©crjofi ber 
tircf)e prüdpführen. 2)en ©chlufj bilbet ber SSorfctjIag, ber 
apoftolifdie ©tuf)l möge eine Äommiffton mit bem Auftrage 
einfegen, bie für ein Äonjit in Augficht git ne^menben 
SSer^anblungggegenfiänbe einer Prüfung gu unterbieten unb bem 



24 



@rfte§ Kapitel. 



Sßapfte über ba§ @rgebnii§ biefer Söorberatung $eric£)t gu tx- 
ftatten; bie Öffentlicrjfeit folle tuerüon Horner nict)t3 erfahren 
itnb erft bann folle bie fongiliare SBefcfjIu&faffung erfolgen. 

©oüiel über Snfjalt unb $orm be<S Briefes! 23eibe §aben 
in bem Daumen be§ lederen nicfjtg fonberlicf) 2luffäHtge§ an 
ficfj. ©od) änbert fic£) bie£, menn mir ben 29rief aU ber 
Capita betrauten. 2öie fjier fcf)on bie plötslid) auftaucfjenbe 
nnb einzig baftet)enbe Stnrebe an ben ^ßapft befrembete, fo 
paffen bjier aud) Sufjalt unb gorm be§ (fangen nicfjt metjr. 3m 
®egenfa| ju ber motjl ineinanber gefügten, togifd) jufammen* 
tjängenben unb in ficrj abgefdjtoffenen (SntmidlungSreitje, als 
meldje fid) ber Srief barfteßt, befielen bie Capita int allge* 
meinen au<§ lofe aneinanbergereit)ten, meift redjt fnapp gefaßten 
©ä|en. Sern Snfmlte nad) fenngeicfjnen fiel) biefe ©äfce üon 
Anfang an als eine (Sammlung üon 9teformüorfd)Iägen. ©leid) 
ber erfte tritt al3 fold)er auf, otjne bafe er mit irgenb einer 
meiteren ©egrünbung ber Deformnotmenbigfeit eingeführt mürbe. 
£>icrgu paßt ber 3n£)att be§ Q3riefc§ feine§meg§. @r bilbet ben 
©rfjluB be§ üierten Kapitels, äfttt ber 2lufeät)Iung§partifel 
item mirb er an bas> $orf)erget)enbe angereiht. SSorljer ift im 
gangen üierten Kapitel bie Debe üon ÜKaferegeln, bie %ur 
Hebung einer beftefyenben ober gur $ert)ütung fünftiger Stircfjen* 
fpaltungen bienen foHen. ©er erfte Seil biefe£ ££)ema§ mirb 
nur mit einem furgen ©atje angebeutet, mäfjrenb ber grüette um 
fo auöfüf)vltcE)er bcljanbelt mirb unb gmar in einer Söeife, bie 
befonbersi begeidjnenb für unfern Sraftat ift, inbem in fnapper 
$orm alle3 mögliche Material gu ber ^rage gufammengetragen 
wirb unb fetbft 2Biebert)olungen unb SSiberfprüdje nietjt üer= 
mieben merben. hieran fdjliefjt fief) nun ber 2lillifd)e S3rief an. 
3n feinem erften Steile mirb balfelbe Steina mie fur§ oorljer 
betjanbelt, als ob bisher ntcf)t baüon bie Debe gemefen märe, 
menn e3 aud) üon einer gang anberen ©eite angefaßt mirb. 
5ifjnlid) fte£)t e3 mit bem gmeiten Seit be§ 23rtefe§, ber über 
bie Reform ber ®ird)e fjanbelt. ©er ©djreiber be3 QSrtefeö rät 
bem Zapfte, au§ freien ©tüden mit ber Deformation ber 
römifdjen ®ird)e §u beginnen, um bann mit um fo größerem 



2lini§ SBrief üon 1411. 



25 



Decfjte bie Deformation ber übrigen gaftoren oerlangen gu 
fönnen. $ur Borberatung ber Deformpunfte, bie ben ®egen= 
ftanb ber ^onjiteberrjanblungen bifben follen, möge er einen 
9fu3fcf)uf$ einfe|en. Sludj tjter tft üon einem ©egenftcmb in 
einer SBetfc bie Debe, aU ob er üorljer nodj gar ntd^t berührt 
roorben märe. Bon ber Deform ber Sttrcrje rebet ber Xraftat 
bom erften ©a|e an, nur foll fie nicrjt auf bie römifcf)e Äirdje- 
befcrjränft merben unb ebenf omenig foE e§ einem päpftficrjcn 
9?eformau8fdjuj3 oorbetjaften bleiben, ficf) in üertraulidjen Ber* 
£)anblungen über S5orfct)Iäge einigen, bie guerft bem $apft 
unb bann erft bem Äongif üorpfegen finb. Dein! £)er Ber- 
f äff er ber Capita, menn mir oon einem folctjen pnädjft nocfy 
reben mollen, muft burcf)meg bie 5Ibficf)t gehabt fjaben, fefbft 
unb bireft für ba3 ®ongil Deformborfcfjfäge aufstellen unb 
gmar für bie Deform ber ®efamtfircf)e. 2lbgefefjen üom legten 
Steil be3 Oierten $apitef<§ läuft barauf fo gternttcr) jeber ©atj 
in gorm mie in Sntjaft f)inau§, abgeferjen aflerbing3 noctj üon 
einer einigen 2lu§naf)me unb groar im 9. Kapitel, worüber 
nod) augfürjrticrjer p fprecfjen fein roirb. 

2Me biefe SSiberfprüdje führen un8 aber $u bemfelbcn 
3iele mie bie Beurteilung jener SInrebe: derjenige Seil ber 
Capita, melier mit bem SMifcfjen Briefe ibentifcfj ift, tft mit 
tjeterogenen (Elementen gu bem ($an§en berbunben roorben. 2)cr 
Brief I)at bem Berfaffer be3 (Sanken afe Ouelle gebient. 

9lu3 bem ©efagten ergibt ficf) pgteid) bie Sftetfyobe, roeldjje 
ber gufammenfteller ber Capita bei ber Benutzung be<§ Briefen 
angemanbt Ijat. Sn gemiffem ©inne paffen ja ber mit bem 
Briefe ibentifctje Seil be§ oierten Kapitels unb ber größere, 
Oort)ergef)enbe Seil begfefben roof)l pfammen: in letzterem ift 
im roefentlictjen bie Debe Oon SJtafcregeln gegen neue Äirdfjcn* 
fpattungen, ebenfo aucf) im erften Seil be<§ Briefe^. Bcibe3 
fcrjfiefjt ficf) affo in facfjficfjer Begietjung logifd) aneinanber an. 
©er ätoette Seif be§ Briefe^ ftefjt ba gegen in fcfjarfem (Segen- 
fa| jum ©efamtinfjaft be£ SraftatS, roeif in if)m nicf)t forooljf 
in erfter Sinte an ein $on§il gebadjt, ab§ bielmefjr be^üglict/ 
ber Deformfrage an bie ^nitiatiüe be3 ^apfteä appeffiert toirb. 



26 



@rfte§ Kapitel. 



tiefer %dl enthält beim aud) bie fpractjlid) auffallenbe 
Sßenbung mit ber btreften 5lnrebe an ben $apft, meiere Oon 
oorntjerein bte Vermutung fjerüorrufen mufjte, baf3 mir e§ 
in bem Briefe mit einer Duelle be£ (Standen 311 tun fjaben, 
bereit oberfläcrjlicfje Verarbeitung jene ©teile erflären fantt. 
SDieS ift e-§ bann audj, maS ben obigen facfjlicfjen 2Siberfpruc£) 
erfCärt. ©er ©rief ift in ba§ ©anje nur lofe hineingearbeitet, 
©etbft oljne rebaftionelle Slnpaffnng ift er an eine ©teile an* 
gefügt morben, roelcfje über benfelben ©egenftanb, mie ber Anfang 
beS Briefes, fjanbelte. 

Sft aber alles bieS richtig, fo ergibt fid) auef) roetterfun, 
mal ber Berfaffer unferer ©d)rift bei bereu 3ufammenfreÜ'ung 
im Sluge gehabt rjaben mag. Sn bem bierten Kapitel t)at er 
alles baS gufammengetragen, maS ifjm an Borfcrjlügen §ur 3Ser= 
t)ütung eines neuen ©djiSmaS in bte §änbe fam ober mtt- 
teilenSroert erfct)ien. ©ieS entf priest and) bem ©efamtdjaratter 
ber ©cfjrift, in meldjer factjlidie äöiberfprücfje unb 2öteber= 
fjolungen rtictjtö 5luffalIenbeS finb, roenn mit ber ©ammtung 
nid)t bie Meinung eines (Stnjelnen roiebergegeben roerben foll, 
fonbern ruenn fie baS barbieten null, maS bem ©ammler fid) 
Oon aufeeit barbot unb als geeignet unb midjtig genug jiir 
Sßiebergabe erfcfjien. Ob mir bamit aber für bie Beurteilung 
ber Capita baS 9frd)tige getroffen rjaben, baS tuirb ftd) erft 
mit gröBerer Beftimmtf)eit auS ben meiteren (Srgebniffen unferer 
CueHenanalrjfe ergeben. 

gür bie ?C6faffung^§eit ber Capita aber ergibt ftd) auS 
ber Oorfteljenben Unterfucfmug nur, baft fie in ber üorliegenben 
gorm nidjt eljer als ber Mifdje Brief entftanben fein fann. 
2lud) biefer ift §mar unbatiert überliefert. 2lber bie (Srgättäung 
ift auS bem Sufjalt beS Briefes unfdjmer §u finben, unb eS ift 
in biefer Be^ierjung SfdjadertS $eftftelluitg nicfjtS rjin§uäu* 
fügen, ©er Brief mujj gmifc^en bem 7. 3mni 1411 unb bem 
10. Januar 1412 gefdjrieben fein, ©er erftere Dermin bebetttet 
bie (Srljebung OTiS jum Äarbinal: er l)at ben Brief als ®ar= 
binal getrieben, roie auS ber 5lbreffe fjerüorgetjt. $m 10. ^a- 
nuar 1412 aber tjat er feine „Apologie beS ^ifaner ®on§ilS" 



?UHi§ »rief toon 1411. 



27 



beenbigt, unb in ttjr ift auf jenen ©rief SBe$ug genommen, $ür 
bie gufammenftettung ber Capita folgt atfo pnädjft, bafc fie 
ntdjt üor bem Satjre 1412 erfolgt fein fann. 3ebe3 meitere 
SiefuItQt ber Oucllenunterfucf)ung mirb auef) biefe $rage prägifer 
jur Beantwortung bringen. 



3tt)eite§ tapiteL 

ein Reformgutadtjten der Umuerfität Paris. 

Bei unferer in ber (Einleitung norau§gefc£)icftcu Ü6erfid)t 
über bie bisherige Bctjanbtung ber Capita^rage tjaben ttnr 
neben ber Epistola TOi3 Oon einer gmeiten ©dfjrtft gehört, 
metdje gu ben Capita in näheren Bedungen ftetjen foÖ, oon 
einem 9ieformgutad)ten ber Sßartfer Umuerfität a\\§ bem 
Satjre 1411. Sm erften Banbe feiner »Acta concilii Constan- 
ciensis« fjat $infe biefe »Avisata« jum 2l6brudE gebracht. @r 
glaubte, in ijjncn eine Vorarbeit ber Capita gu erfennen, 
unb biefe @rfenntni§ bebeutete für ifm eine Betätigung ber 
Beweisführung £fd)adert3, woljl barum, med fid) au§ ber Be= 
nu|uttg biefer Vorarbeit auf bie analoge Beriuenbung anberer 
fdjltefjen unb fo am leidjteften ber miberfurucf)!o0olle unb foim 
pilatorifcfje Sfjarafter ber (Scfjrtft ftc£> erftären Iie§, luobei bann 
aud) bie StnnaJjme einer boüUelten s Jiebaftion ber ©drrift ntctjtö 
Befonbere§ mefjr an ftcf) fmtte. 3d) meine, roenn fi<f) bie 
Avisata roirftid) aU eine Vorarbeit ben Capita ertueifen laffen, 
fo ift ba§ erjer noctj eine Betätigung beffen, mag mir ü6er 
ba3 Berf)äItni<o gmifdjen ben Capita unb bem Briefe nadjge» 
miefen f)aben, inbem ftdf) bann ber Brief unb bie Avisata 
gleichmäßig als Vorarbeiten, ate Duellen ber Capita ergeben. 
Senn je §ai)tretd)er bie ©djrtften finb, meiere ftcf) in biefe§ 
Berl)ältni3 ju ben Capita bringen laffen, um fo gefiederter ift 
audj bie öon un<§ gewonnene Beurteilung be<§ 2lillifd)en Briefes, 
$umal menn fid) in ber Benutmng eine gemiffe ©leidjmäfjigfeit 
erfennen laffen fotlte. 



2< c 



3iueite§ Äapttcl. 



SDte SBettuaubtfdjaft nun jttüfdjen ben Avisata unb ben 
Capita fällt nidjt minber in bie Hugen afö bie §tütftf)en ber 
Epistola unb ben Capita; allein fie ift boctj gang anberS ge= 
artet. 2)er 2kief 5litfi3 ift im 3 u f ammen ^) aTt 9 ™ °i e Capita 
aufgenommen, er ift als ©angeS bem übrigen £eil beS Dterten 
Kapitels angefügt roorben. dagegen finben ficf) roörtticfye 
Ubereinftimmungen mit ben Avisata an ben üerfcfjiebenften, 
Don einnnber getrennten ©teilen. @S finben ficf) fofdje in 
Kapitel 1, 2 unb 3; bann finb bie Kapitel 4 bis 9 baDon frei; 
fie finben ficf) mieber in Kapitel 10, 11, 12, 13, 15 unb 17, 
roärjrenb ba<§ 14., 16. unb 18. 1 ) Kapitel roieber feine 3Ser- 
rocmbtfcrjaft aufmeifen. 

S)ie folgenben ©egenüberfieflungen finb geeignet, baS gegen* 
feitige $erf)ältni<§ flarpmacfjen. 

Sm erften Kapitel ber Capita fjeifjt eS 2 ) : item offeratur 
dicto concilio tractatulus quidam, compositus per can- 
cellarium Parisiensem, tractans de generalibus principiis 
nostrae fidei, per facultatem theologiae prius tarnen exa- 
minandus et, si opus fuerit, corrigendus addendo et 
diminuendo etc., ut singulis metropolitanis et episcopis 
... publicetur. 

Sn ben Avisata finben ficf) genau biefelben SBorte im 
brüten Kapitel 3 ); ber (Srfatj beS dicto burcf) ba<§ funonrjme 
praefato ift bebeutungsloS. 

@o roie biefer @a^ in ben Capita ftefjt, ergeben fiel) in 
if)tn §mei ©cfjmierigfeiten, eine facfjlicfje unb eine rebafttoneHe : 
S&aS fjat man unter facultas theologiae gu Derfietjen? ettoa 
«in Organ beS KongilS? £>a0on ift aber fonft ntdjtö befannt. Unb 
roie erflärt fiel) bie SlbfürpngSformel etc. ? 2)aS 93orf)ergef)enbe 
bietet bafür (einerlei ?lnf)alt. (Sin 93ttcE in bie Avisata gibt uns 
auf beibe fragen bie richtige 5lntroort. ®te Avisata finb ^Reform* 



J ) ®a§ ©erfonfdje ©tücf, Don meinem unten bte 3iebe fein wirb, 
xecf)ne idj als 18. Kapitel. 
*) b. b. §arbt I, 506. 
5 ) 8-tnfe, Acta I, 133. 



(£in 9?eformgutacr]ten ber Uniberfttät s $art§. 



29 



t)orfc£)täge, tueltfje bie Uniüerfität ^artö an ein beüorftet)enbe3 
<8cncraIfongit rieten foß; menn in ifjnen üon einer tt>eoIogifcf)en 
gafultät bie Diebe tft, meldje eine ©pegiatfrage prüfen foll, fo 
tft baran nict)t<o SSefonbereio. 1 ) gerner: bem 3. Äapitel ber 
Avisata getjt im 2. Kapitel ein @a| üoranS, melier ben bort 
abgefür^t miebergegebenen ©ebanfen frier, too er §um erftenmal 
auftritt, üollftänbig gibt unb §mar fo : offeratur praefato 
concilio quidam tractatulus . . . per facultatem theologiae 
prius tarnen examinandus et, si opus fuerit, corrigendus 
addendo vel diminuendo, si qua fuerint addenda vel di- 
minuenda. SBemt biefer ©ebanfe bei feiner SSieberIjolung im 
3. Kapitel etma§ abgefürgt mirb, fo liegt aucfr. fjierin nichts 
S3efrembenbe3, bem SSerftänbntä roirb {ebenfalls bei ber nat)en 
miaä)barfä)a\t beiber ©teilen feinertei ©djttnertgfett bereitet. 
$ür beibe gälte atfo ergibt ficf), bafc ba<3 beiben ©cbriften 
<$emeinfatne in ben Avisata am pa|e ift unb ben Gnnbrucf 
ber Urfprüngltdfjfett macfjt, roä&renb e§ in ben Gapita tfrtffar* 
Reiten oerurfacfit ©er gange ©a£ oerrät fidj f)ier afö 9tb^ 
leitung, a(§ Ergebnis unbebauten 2tbfcf)reiben§ ober o6erftädj* 
lieber |)erübernahme au§ ben Avisata. 

@6enfo üerbält e§ ficf) mit einer ©teile im 2. Kapitel ber 
Capita 2 ), mo gleichfalls! üon einer tfjeologifdjen gafultät bie 
IRebe tft. ®tefe t)ter nicf)t minber als im 1. Kapitel unerftär* 
Itdje S3emerfung ift mörtlicf) au§ cap. 33 ber Avisata 3 ) ü6er= 
nommen, mo fie burcbauS am pafce ift. 



J ) Studj in anberen bermanbten (ScEjriftftücfen jener Qeit bürfte 
unter einer nidjt näf)er begeicfineten „tfjeologtfdjen gafultät" im 3toetfel§- 
faHe bie ®örberfcf)aft ber Sßarifer Unitterfität §u berfte^en fein, beren 
(Sinfhtfj auf bie bamaügen Union§= unb 9ieformbeftrebungen faum ü6er= 
fdjäfct werben !ann: fo j. 93. in bem Anträge >Quia Christi fidelibus«, 
ben ftinfe §u ben ^onftanjer ©egemberanträgen be§ 3atjre§ 1414 rechnet, 
unb in roeldjem er, fo brie früher fdjon 9Jcori| Dritter, bie »theologica 
facultas« nidjt redjt unterzubringen weife. 23gl. ginfe, gorfc^ungert u. 
•Quellen <5. 130 3lnm. 1 unb Sftorifc SKtter in 5teufd£)§' Siteraturb latt 
1875 @. 157 2Inm. 1. 

*) b. b. §arbt I, 506. 

3 gtnfe, Acta I, 143. 



30 



SlneiteS Settel. 



©inen ferneren fdjlagenben $eroei§ bafür, bafe bie Avisata 
als CueHe bcr Capita an§ujet)en ftnb, liefert ba3 11. Kapitel bel- 
iebteren. 1 ) Sn feinem erfien ©a| ift bie 9^ebe Hon ber Häu- 
fung lircfjlicrjer Söenefigten in einer £)anb: De dispensatione 
super pluralitate etincompatibilitate beneficiorum videatur, 
quo-d non concedantur alicui ultra certum numerum, 
ne unus occupet infinita et alter farne pereat, et videtur 
servanda constitutio Execrabilis. ©iefer ©a£ enthält eine 
©mfdjränfung be3 päpftlicfjen ®t&pen)atton§recljte8, inbent auct) 
ber ^opft bei QSerleiljung Don SSenefijten über eine 3J?ajimaIäaf)l 
tticfjt rjinau3gel)en fott. hieran fdjltefet ftif) ein gtoetter @a| 
äu^erlict) auf3 engfte an mit ben SSorten: »item circa ista 
videtur omnino esse providendum« unb barin ift bie Üiebe 
Don äKafjregeftt gegen bie Dielfacfje SSerletjung ber 9ffefiben§pflicf)t 
ber Prälaten. Man fierjt, bafj betbe @ä|e bem Sntjalte nacf) 
ntcfjt gerabe fo eng §ufammenget)ören, roie au§ jener SBerbtnbung 
fjerborgetjen rennte, tiefer SSiberfprucrj gnjtfcfjen gorm nnb 
Sntjatt Hart fict) aber jur (Genüge auf, toenn mir bemerfen, 
ba^ jene SBerbinbung mörtlicfi in ben Avisata mieberfetjrt, 
mo fie al§ Übergang oom 17. jum 18. Kapitel irjre Dolle 
93ered)tigung tjat. 2 ) £>enn im 17. Kapitel ift bort bie Siebe 
Don ber übertriebenen unb pfücfjtmibrigen ©eferjäftigung ber 
©eiftlictjen mit rt)eltlicr)en 21ngelegenf)eiten unb baran fefjitejjt 
fictj im 18. Kapitel bie (Sinfctjärfung ber Diefiben^pflicEjt, ©e* 
banfeu, bie toorjl ^ufammengetjören, ba bie meltlidje S3cfcf)äfti= 
gung gur SBernadjIäffigung ber fHefibengpfttc^t gerabe ben §aupt= 
anlafj bot. 

9Iuü allebem ergibt fidj, ba^ bie Avisata bie ältere ©ctjrrft 
ftnb, unb baft fie bem Urheber ber Capita al§ Vortage ge= 
bient fjaben. 

©iefem ©djluffe ftetjt bie ^Beobachtung nierjt entgegen, bafj 
an anberen ©teilen äf)nüct)e Dberflädjlidpeiten Dermieben ftnb. 
£>er letzte ©at3 Don Kapitel 1 ber Capita ftimmt mit 



>) ö. b. §arbt I, 523. 
*) ginfe, Acta I, 137 f. 



©in DlefonngutadHen ber ttmüerfität $ari§. 



31 



bem ©cfjlufj be<§ 3. Kapitels ber Avisata überein. 216er in 
ben leiteten, roo im 3. unb im 2. Kapitel üon einem bem 
^ongil oor^ulegenben Xxattat bie 9febe ift, fieißt e<§ finngemäft 
mit §inmeis> auf beibe ©Triften: immo videtur, quod hü 
tractatus u. f. ro., mäfyrenb e3 in ben Capita, mo üorfyer nur 
üon einem Xraftat gefprod)en mürbe, ntctjt minber richtig 
tjeiißt : immo videtur, quod dictus tractatus n. f. ro. 1 ) 

Sn Äapitet 34 ber Avisata mirb ber SBorfdjlag gemacht, 
bie (^Sartfer) Uniüerfttät foUe einen Slugfdjufj einfetten, melier 
Mittel unb Sßege %ux Herbeiführung einer Union jttrifdjett 
©rieben unb Satemern aus§finbig §u madjen t)abe; bie Uni- 
oerfttät foUe biefe 55orfd£)täge bann auf bem ©enercrffoitftil oer- 
treten. Sief er f elbige ©egenftanb ift im 3. Kapitel ber Capita 
befmnbelt unb gtoar fo, bafc aud) tjier bie (Sntlerjnung an§ ben 
Avisata offenfidjtttdj ift; aber bei ber fonft mörtlicrjen VSe- 
nutmng be3 £erte<§ ift bie -mieimalige (Srmäfmung ber Uniöerfttät 
fortgeblieben. 2 ) 

Slucfj ba§ 10. Kapitel ber Capita meift bei aller trjn* 
lictjfeit mit ber Vorlage beseictmenbe ^broeicfjungen üon itjr auf. 
£>er jmeite @a£ »Inducantur potissime u. f. ro.« berutjt 
auf bem 21. Kapitel ber Avisata. Sie einzelnen Slbfcfjnitte 
ber Avisata nun beftetjen burcfjroeg au§ brei Steilen, bem 
eigentlichen @efe£e£üorf(f)lag, ber 23egrünbung ba§u unb ben 
53eftimmungen für feine 2lu<§füfjrung. Sie beiben legten Steile 
btefe<§ @c£)ema3 finb an biefer ©teile ber Avisata fo burctjge* 
fütjrt: Et hic articulus per universitatem in coacilio 
proximo proponendus practicari tarnen posset sine generali 
concilio per concilia provincialia et synodalia, qui arti- 
culus fundari posset in hiis, que tacta sunt, ^üeröon 
bat ber 95erfaffer ber Capita nur bie SSorte aufgenommen: 
practicari tarnen posset sine generali concilio per conci- 
lia provincialia et synodalia. Sen §inroei<§ auf bie QSe* 
arünbung unb bie ^orberatung fettend ber Uniüerfität tjat er 



*) 0. b. §arbt I, 506 u. gtnfe, Acta I, 133. 
2 ) ö. b. §arbt I, 507 u. ginfe, Acta I, 143. 
.fciftotifdje S8i6Iiotf»ef. XV. 



3 



32 



offenbar mit Slbfid^t au§gelaffen, ba itmt beibes in ben Stammen 
ber Capita nicfjt funeingupaffen festen. Snbem er nun ober 
ben 9ieft in feine Arbeit fjerübernafjm, üergafj er, ein Sßörtcfjen 
gu ftrettfjen, ba§ mit fetner rücfbegiefyenben Sebeutung in ben 
Avisata angebracht unb Oerftänblirf) ift, nitfjt aber in ben 
Capita, roo gerabe ba§ 33orI)erget)enbe , roorauf fictj ba3 
2öörtcf)en begießt, an§gelaffen ift, ba§ Sßörtcfjen tarnen. 1 ) Sn 
biefem gatle muffen mir fomit eine SDfi)cf)ung groifeljen finn- 
gemäßer unb mec^antfe^er 33enu£ung ber Avisata buref) ben 
$erfaffer ber Capita feftftellen, eine 2Irbeit§roeife ober ein ®rab 
Oon Aufarbeitung, ber ftet) in gleicher Sßeife au£ ben oben 
gitterten ©teilen gufammengenommen ergibt: f)ier gebanfenlofe3 
2Ibfcf)reiben, bort überlegenbe Senu^ung ber Vorlage. 

Simulien, rote im letztgenannten $alle ftefjt e<§ auet) mit bem 
3. @a§ oon Kapitel 10 ber Capita, melier bem 22. Äopttet 
ber Avisata roörtlicb, entlehnt ift. Slber nur ber fadjttdje SEeil 
ift itjm entnommen, roäfyrenb bie SSegrünbung unb bie 2Iu3= 
fül)rung§befttmmungen gang fortgeblieben finb. 2 ) SDiefetbe 
9J?ett)obe finbet fidt) nodj einmal im 10. Kapitel ber Capita 
befolgt. £>a§ 14. Kapitel ber Avisata beginnt mit ben SBorten : 
Item quod in dicto coneiiio proponatur ex parte ecclesie 
Francie et universitatis prosequatur, ut nulli nisi graduati 
u. f. m. Sn ben Capita tautet bie ©teile furg : Item ut nulli 
nisi graduati u. f. tu. 3 ) 

9?acfjbem mir fo baä 31b^ängigfeit§0ert)ältni§ groifcfyen 
Capita unb Avisata gur (Genüge glauben feftgefteüt gu fjaben 
unb gugteicl) bie §Irt erfannt Ijaben, in meldjer ber Urheber ber 
Capita bei ber SSenu^ung ber Avisata üorgegangen ift, roollen 
roir noef) betrauten, roie unb roo firf) bie ben Avisata ent= 
lehnten ©teilen in ba§ Übrige einfügen. SSir roerben babei 
ba§ 33ilb oon ber 33enut5itng§art ber Avisata ergangen unb 



*) ü. b. §arbt I, 523 u. fftnfe, Acta I, 139. 
a ) ©benba. 

3 ) ö. b. §arbt I, 523 u. gutle, Acta I, 136. 



(Sin ^eformgutadjten ber UniDerfität $ari§. 



33 



gugteicf) ernennen, toetc^er Seil ber Capita in fac^ttctjcr 33e§ie^unö 
•auf bie Avisata jurücfjuffiljren ift. 

2)a§ erfte Kapitel ber Capita tjanbett im Eingang Jon 
ber 9teint)attung be£ ©tau6en§ unb int befonberen Oon ber 
«erfolgung ber roiftefittfdfjen unb ^ufftttfc^en 3rrle£)ren. 3m 
"Hnfdjlufe hieran roirb im Reiten Seit bie Verbreitung ton 
XSerfonS opus tripartitum empfohlen, tiefer gange #rctte 
Steil ift ben Avisata entlehnt. 

3m feiten ^apitet rairb ber $orfcf)tag gemalt, einen 
Hü§fcf)uf3 eingufe^en, metctjer bie beim ©tubtum gebräudjltqen 
Kommentare jur t)t. ©cfjrift unb gum Eanonifcfjen 9?ect)t prüfen, 
ba§ groeifelljafte in tljnen auffegen, ferner bie (SjtraOaganteu 
einer 9?eOifion unterbieten unb bie ©ntftifjetbungen ber 9?ota 
reoibieren unb für biefen ©ertcf)tSf)of eoentuell eine neue $ßro?efc 
•orbnung aufhellen folt. ®in Reiter 3Iu3fdjii& fotl alte SBiber- 
fprüctje in ben tfjeo(ogifc£)en Sef)r6üdjern, bie ftdj auf ben 
©tauben unb bie Sitten begießen, prüfen unb auflegen. Wuct) 
f)ier ift ber gtueite Seit mörtticf) ben Avisata entnommen. 

Sag furgc britte Kapitel tjanbett über bie Union mit ben 
©rieben, ©ein einziger ©a§ ift ben Avisata entfernt. 

2)a3 öierte Staphel enthält eine pEe Oon Vorfdpgen, 
toeldje ben Sßiebereintritt eine<3 folgen Unglücfeg mie bie hoppelte 
1ßapftroat)l oon 1378 üerpten fotten. 28ir faf)en oben, bafc 
fein ©cfjlufe mit einem ©riefe Wittte an Sofjanu XXIII. ibentifdj 
ift. Entlehnungen au3 ben Avisata enthält e§ bagegen nitf)t. 
©benfomenig bie fünf fotgenben Kapitel. @rft mit bem 10. Kapitel 
fefcen biefetben mieber ein. §ier ift gunädjft bte Siebe oon ber 
■$flicf)t ber leeren ®eiftlic|feit, fidj pr regten $eit meinen 
%u laffen. 9Dftt bem gmeiten fünfte fe£en bie Avisata ein: 
<8 folt ben Prälaten eingefcf)ärft merben, nur mürbige unb 
geeignete Kanbibaten gum ^riefteramt jujulaffen. @$ folgt 
bann ein felbftänbiger «ßaffug über (gjpeftangen unb über bie 
^teubefe^ung fimomfttfdj Oertief)ener ©enefigien. ©er fotgenbe 
©afc ift mieber ben Avisata entnommen; er f)anbett über bie 
Qualifikation ber t)öfjeren unb ber Kuratgeiftticfjteit. ©er ©djfofe 
ift mieber fetbftänbig unb befpric^t bie Kollation ber SBenefigien 



3iuette§ fiapttel. 



unb bie päpfttictjen Deflationen. Anfang, äßttte unb <Scf)tufj 
tiefet Kapitell fmb alfo felbftänbig, luäljrenb ber gtoette unb- 
ber Oierte auf ben Avisata berufen. 

3m elften Kapitel ftetjt bie ©act)e fo, bajj ber erfte 
felbftänbig ift: er beredt bie (Sinfcfyränfinig be§ päpftlichen 
©igpenfationSrectjteio in Söe^ug auf Häufung unb Snfompati* 
btlttät ber ^öenefijien. £)er übrige £eil be3 ®apiteb§ frammt 
au3 ben Avisata unb tjanbelt über bie 9^eftben5^fttc£)t ber 
Prälaten unb über ihre 9Sifttation&= unb ©trafpflicht. @in* 
gefcfjoben ift ba§rotfcf)en ein felbftänbigeg ©äfcdjen über bie 
9?e[iben§pflid)t ber ^uratgetftttcfjert. 

®a§ jtüölfte Kapitel richtet fidj gunäctjft gegen ben ütelfad^, 
geübten Qkaucrj, baft bie üftoü^en männlichen unb meiblictjen 
©efchiectjtso in ^u jugenbücfjem Hilter in3 Softer aufgenommen 
werben, ferner gegen ben Äonfubinat ber ©etftltdjen. ®rft bie 
fotgenben ©ä|e finb ben Avisata entlehnt; fie befprecfjen ba£ 
^Sriöatteben ber ©eifttictjen, befonberS ber höheren ©etftttdjfett,. 
melier e§ gur ?ßfttct)t gemacht roerben foE, unterrichtete unb- 
motjlgeftttete ^lerifer in ihrer Umgebung gu haften, ©er 
©ctjlufj ift roieber, roie ber 9lnfang, unabhängig öon ben Avisata 
unb tjanbelt über ba<§ äußere Auftreten, über Reibung unb- 
Xonfur ber ©eifttictjen. 

£)a3 brennte Kapitel ift ber $rage ber SStfttationen. ge- 
roibmet. £)ie Prälaten, welche fie Dor^unetjmen t)aben, foflen 
babei weniger auf ihren finanziellen Vorteil, ab§ auf ba<§ §eil 
ber ©eeten bebaut fein; eine (Serfonfctje (Schrift öom Satjre 
1408, bie über biefen ©egenftanb tjanbelt, fotl mögltctjft oer= 
breitet roerben. 2)iefe3 wenig umfangreiche Kapitel ift üoE= 
ftänbig ben Avisata entnommen. 

S)a§ Oier^etjute Kapitel hobelt üon ben ©eneralfongilien : 
Oon ber $eit ber Berufung, ber Unt)erbriictjttc£)Mt itjrer S3e= 
fctjlüffe, ber S5efud)§pftictjt unb bem ^ectjt jur Teilnahme. 
§ierüon ift nict)t§ bem ^ßarifer ®utacfjten entlehnt, dagegen 
wieber um fo mehr im fünfzehnten Kapitel. 2)er erfte ©afe. 
wünfdjt bie Untertaffung ber ^roüinjiaI= unb SHögefanftmoben 
unb ber ©eneralfapitel mit fcfjWeren ©trafen bebrotjt fehen. 



@in 9ieformgutad)ten ber Uniberfttät $art§. 35 

2)er übrige, jtemltctj umfangreidje Seil beö ^apttela berurjt auf 
ben Avisata unb tjanbett über benfelben ®egenftanb. 23on 
ben brei legten Kapiteln enblicf; meifen ba§ fecf)je§nte unb ba3 
achtzehnte Kapitel feine öenutjung ber ^arifer Anträge auf, 
roärjrenb ba3 fiebAetmte üollftänbig auf ihnen beruht. $on 
i£)nen fjanbett ba§ fed^etjnte Kapitel über ©i'emtionen, ba§ 
fieb^ehnte über firdjlidje ©trafen unb enblidj ba3 achtzehnte, 
al§ meldjeio rotr ba<§ ®erfonfcfje @tücf bezeichnen, über benfelben 
©egenftanb rote ba§ oorfjergehenbe fiebzefjnte Kapitel. 

@o oerfd)ieben alfo auch bie Verarbeitung be3 in ben 
Avisata gebotenen ÜD?ateriab§ Oon ber be§ 9lillifcf)en QSriefeä 
tft, fo ift ein 28efentlid)e3 bocf) beiben gemeinfam: ©er Sltllifcrje 
Sörief enthält in feinem erften £eil 23orfcf)läge zur Vergütung 
neuer ftirdjenfpaltungen. ©eätuegen mürbe er an ba<§ üierte 
Kapitel angefügt, raeld^S fd)on eine ganze $olge oon Vor- 
fernlägen 31t biefem roichtigen ©egenftanbe enthielt. 5i^nUd) 
fcerfufjr man mit ben Avisata, nur bafe man au§ biefer öiel 
umfangreicheren unb alfo jur oöltigen SBiebergabe öiet un= 
geeigneteren ©cfjrift eine ?(u§Ujat)I traf unb bie entlehnten 
©teilen al§ (Srgän^ung unb Verüoflftänbigung fcfjon üorrjanbener 
älterer Steile bienen tieft, gür ben Qtved ber Capita ergibt 
ftcfj alfo au£ biefer ^Benutjung ber Avisata berfelbe ©cf)luf3 
toie oben bei bem Briefe: äStr tjaben e3 bei ilmen faum mit 
ber ©cfjrift etne<§ (Sinzeinen ju tun, fonbem mit einer rein 
äufeerlidjen Sammlung oon Material, ba<§ au§ oerfcfjiebenen 
@d)riften zufammengerjolt mürbe unb bei beffen 3ufammen= 
ftellung man feine irgenbroie literarifcfje 9lbfidjt, fonbem lebiglid) 
praftifd)e 3mecfe Oerfolgte. 

2Sa<3 nun bie (£ntftef)ung^eit biefer Ouelle ber Capita 
betrifft, fo fjat bereite ginfe eine 9^et£)e bie§be§ügücf)er Momente 
beigebracht, gaft in jeber Kummer mirb auf ein allgemeine^ 
Konzil, ba<§ bereite berufen ift, unb auf ein gleichfalls beüor* 
ftef)enbe<3 ^garifer ^ationalfon^il Ijingemiefen. gerner mirb im 
Zweiten 2lrtifel ein Oon einem 9if)eimfer ^rooin^ialfonjil 
pfammengeftellter Straftat über bie Sßifitationiopflicht ber höheren 
<$kiftttd)feit ermähnt. 2)iefe3 ßonzil fanb am 28. Slprit 1408 



36 



3>t)eite§ ßajritel. 



ftatt. Sn Slrtifet 3 rairb ein jtoetter £raftat gur äftaffenüeiv 
oerbreitung empfohlen : eS ift ba§ f ogenannte opus tripartituni 
@erfon£, melcrjeä gteicfjfaUö um baS 3af)r 1408 cntftanben fein: 
mag. SBon einem in $ranfreicf) anerfannten Sßapfte tft mieber= 
fjolt bie jRebe. 3m legten Sfbfdjnitt toirb aucf) baS $ifaner 
Äonjil auSbrücflicf) erlüäfjnt. SDarnad) fönnte alfo mit bem 
beöorftefjenben ($eneratfonäiI enttoeber ba§ jum ?Ipril 1412 
üon <ßapft Sodann nacfj 9?om berufene ^on§tt ober baS Äon= 
ftanjer gemeint fein. 2)a§ in STuSfidjt ftefjenbe Sßarifer National* 
fon^il fönnte bie SBerfammlung be§ franjoftfdfjen ftleruS §tr 
Einfang beS SafjreS 1412 ober feine gufammenfunft Qm 13 ^ Qs 
Dember 1414 fein. Seibe Semertungen beuten alfo in gleicher 
SSeife barauf f)in, baf$ bie Avisata enttoeber im Safjre 1411 
unb §toar nad) bem Stpril biefeS Saljreä 1 ) ober im 3af)re 1414, 
einige $tit oor bem 18. üftobember, entftanben finb. $ür unfere 
augenblicfliclje Slufgobe, meiere barin beftetjt, mit $tlfe ber 35a* 
tierung ber Capita^eile auf bie ©ntfte^ungggcit beS ©angen 
5U fcrjfiefeen, fönnen rair uns mit biefer $eftfteflung begnügen. 
2)enn {ebenfalls ift eine anbere ©djrtft, toeferje fidE) gleichfalls 
al§ Quelle für bie Capita erroeifen läfct unb bereu 23efprecf)ung 
im näctjften 2lbfct)nitt folgen foll, foäter al§ bie Avisata ent* 
ftanben, fo bafc bie (Sntfte^ung^eit ber festeren für biejenige 
ber Capita ofjne SSelang ift. Slucf) tf)re genauere Datierung 
fönnte uns unferem $iele nid)t näfjer führen. £>er üon ginfe 
eingefcfjlagene 28eg 2 ), mit §ilfe ber gijierung ber Capita für 
bie SlbfaffungSgeit ber Avisata ben terminus ante quem §11 
finben, ift natürlich für unS ungangbar, ba mir gerabe umgelernt 
aus ber geitbeftimmung ber Capita=£eile auf bie (Sntftefjung 
beS ©an^en fdjltefeen toollen. 



x ) Sie SBerufungSbuHe ift öom 29. Styril 1411 batiert. Sgl. g-infe r 
Acta I, 127. 

2 ) Acta I, 112. 



2)ie „Informationen" bc§ ©rgbifc^ofS 5ßileu§ bon ©enua. 



37 



2)ritte§ tapitet. 

Die .Informationen' des CrzbtfdEiofs PUeus 
non Genua* 

3ur SSeroolIftönbigung unferer QueIIenunterfucf)ung muffen 
mir un<§ nunmefjr einer brüten ©cfjrift gumenben, meiere mit 
unferen Capita eine offenbare SSermanbtfcfjaft §eigt, ben sln- 
formationes super reformatione ecclesiae« besl (£r§6ifd)of§ 
^tleuä Sftarini üon ©enua. üftadj ginfe ftef)t e§ feft, bafj 
$ßt(eu!§ bie Capita „förmlicf) geplünbert" tjat 1 ), mätjrenb 
(Soucfjon bei ©rtnätjnung ber „Informationen" fiel) biefer 
$rage öorficfytig unb unbeftimmt augtäfct. 2 ) 2)a ginfe meinet 
SSiffenS für feine 23etjauptung feinerlei SSeroeiS erbracht t)at, 
tonnen mir un3 um fo meniger ber $flicf)t ent^ie^en, bie $er= 
roanbtfd)aft beiber ©cfjriften f einfallen. £)ie „Informationen" 
finb öon 2)öIIinger in einer (Smmeramer £>anbfcf)rift entbeeft 
unb bann im 2. Sanbe feiner „Beiträge §ur politifdjen, fir<f)= 
liefen unb Mturgefcfjidjte ber fed)^ testen Sat)rt)unberte" 
(9iegem§burg 1863) gum Stbbrud gebracht morben. §anbfcf)rift* 
lidE) überliefert finb fie aufjerbem in ber großen ^onftan^er 
Slftenfammtung beä 2lnbrea3 üon ^egen^burg. 

3unäc£)ft toeifen bie beiben @cf)rtften int)altlic£) üielfacfje 
Sttjnttd) feiten auf. ©tfjmertitf) laffen ftcf) aber au<§ ifmen be= 
ftimmte ©ctjlüffe auf bie 5lrt ber Slbtjängigfeit gießen. Söeibe 
©cfjriften befprecfjen an erfter ©teile bie Sefämpfung ber 2srr= 
lehren. £)ie ^orm, in ber bie£ gefcf)iel)t, ift rect)t toerfctjieben, 
unb barum ift biefe Übereinftimmung nidjt auffaüenb, gumal 
gerabe biefer ©egenftanb faum in einer ber §at)Ireitf)en Reform* 
fcfjriften jener £age fe£)It. Slucf) anbere fragen merben fomotjl 
in ber einen mie in ber anberen @ct)rift befjanbelt: bie Union 



J ) fyinfe, ££orfcr)ungen unb Quellen, ©. 112 9lnm. 2. 
2 ) ©ou<f)on, $apfttoat)len II, 169 3lnm. 2. 



38 



3)rittcS $ opitcl. 



ber ßateiner mit ben ©rtedjen, bie SBerfjütung neuer Äirdjen* 
fpattungen, bie §änbel ber toeltltdjen £errfd)er, bie öbee eines; 
$reu$$uge8, ber päpftltcf)e SSerfaffunggeib, bie Öefcfjränfung ber 
^apftgeroalt §u (fünften ber Shrbincüe, bie Stmter an ber 
Äurie, bie Aufhebung ber Sttnnaten, bie 9?omfat)rt ber Prälaten 
unb anberess metjr. £)ie beiberfeitige 33et)anbtung biefer trügen, 
meldje bamal<§ alle SBelt befcfjäftigten, läfjt gerotfe ben ©cfjtuB 
nicfjt ju, bafj bie eine ©cfjrift au<§ ber anberen geköpft tjaben 
mufj, ^umat noefj eine gange SReifje anberer fragen in ber 
einen berührt roirb, roärjrenb bie anbere fie nicfjt fennt. 

Snbeffen fcfjeinen jtijet fotcEjer ^araflelfteüen roofjt geeignet 
gu fein, baö gegenfeitige SSerfjftltnte ber (Schriften flar gu [teilen, 
ba bie roieberfefjrenben ©ebonfen in eine gang befonbere gorm 
gefleibet finb. 

3sm fiebenten Kapitel ber Capita 1 ) ift öon ber Reform be3 
®arbinaIfoflegium§ bie Siebe; t§> foll u. a. bie ^ödjftjaf)! ber 
Starbinäle auf 30 feftgefe|t derben: Provideatur etiam de 
taxando nurnero Cardinalium, ita ut non excedant XXX. 
2)ann fjeifjt e§ aber roeiter: Aliis videntur XXIV instar XXIV 
seniorum. SDtefer lefcte ©ebanfe finbet ftc£) auefj bei $ßileu§ 
nnb £roar mit bemfelben eigentümlichen £)inroei<o auf ba§ Vßox- 
bilb ber 24 5ttte[ten ber Slpofalrjpfe; nur tritt er tjter aU 
fetbftänbiger SSorfcfjIag, mcfjt als ©egenrjorfdjlag ober, ©rgängung 
ju einem üorrjergefyenben ©ebanfen auf. S£)a3 fect)§el)nte Kapitel 
ber „Informationen" beginnt mit ben SSorten: Item prae- 
figatur certus numerus Cardinalium, ut XXIV vel circa, 
ad instar XXIV Seniorum. 2 ) 

2Iuf biefetbe SBeife roirb im geinten Kapitel ber Capita 
ein ©ebanfe eingeführt, ber ftdf) audfj bei $ileu3 finbet. Q3et 



*) ö. b. ©arbt I, 515. 

*) ©öttinger, ^Beiträge II, 305. 2)aft e§ [tdj in bem SSergleidj ber 
24 ®arbinä'Ie mit ben 24 »Seniores« um bie 24 ?(Ueften ber 2(pofaÜ){)je 
Imnbelt, mödjte icfj gegen ©oud)on ßßapftttjafjlen II, 169 2tnm. 2) an= 
nehmen; f oldEje SSergleidje toaren bod) befonber§ beliebt. 58gl. ?tpofa= 
(rjpfe 4, 4 unb Sofertt), Deformation unb ©egenreformation in ben inner= 
öfterreicrjifcfjen Sänbern im 16. Qatjrljunbert ©. 16. 



Sie „Informationen" be§ (Sr§bifc£)of§ $üeu§ öon ©enua. 39 



biefem beginnt ber bretunb^tüQn^tgfte Wbfdmitt mit ben SBorten : 
Item qnod ipsum ius commune in collatione beneficiorum 
ac in praelaturis, dignitatibus, ecclesiis, monasteriis in- 
violabiliter observetur. 1 ) £>iefe gorberung nad) Übertragung 
ber SBeneft^ien gemäß ben SSorfcf)rtfteit be§ gemeinen fanonifdjen 
fHecf)te§ ift aud) in ben Capita enthalten, aber fte fte£)t faft 
am @nbe be£ §temltc£) langen geinten ®apttel3. Sit biefem ift 
äimädjft bte 9iebe tion ben $flid)ten ber leeren ®eiftttd)en, 
befonber§ mit S3e§tetjitng auf bie Seförbernng üon nur toürbigen 
$anbibaten gum ©eelforgeamt. 5)a§mifc^en mirb ber ©Epef* 
tatioen gebaut unb §mar be^etcfmenbernieife fo, baß biefe 
33efd)räitfung be3 alten tollation3red)te<§ ber Orbinarien big 
§n einem gemiffen Umfange fortbeftetjen foll. 2)aran fdfließt 
ficf) bann jener ©ebanfe mit ben SBorten: Aliis 2 ) videtur, 
quod ex toto servetur ius commune in collatione bene- 
ficiorum, alfo genau in berfelben gorm be£ ®egenöorfd)Iagi§, 
tote üort)er im fiebenten Kapitel. 3 ) 

®iefe beiben gälte, gufammengetjalten mit ber an ftdj ntcfjt 
au3fd)laggebenben Satfadje, baß fo üiele fragen fomofyt in ber- 
euten tote in ber anberen ©djrift betjanbelt toerben, mad)en e£ 
mafyrfdjeinlid), baß ber $erfaffer ber Capita, mie bie bi£f)er 
befprodjenen @c£)rtften, fo aud) bie „Informationen" be3 ^iteuS 
bei feiner Arbeit üor fid) gehabt £)at. 2lud) bie fnappere $ornt, 
in meldjer jene ©ebanfen in ben Capita erfdjeinen, beutet 
barauf Inn, baß fte ben „Informationen" mit t£)rer üiel breiteren 
gorm entlehnt finb. 

Sn letzterer Se^iefumg ift aber nod) ein anberer ^ergleid) 
tntereffant unb für unferen ftwed oon burcf)fc£)lagenber 23eniei<§' 
traft. Sm Oier^eljuten Kapitel ber Capita mirb eine regelmäßige 
Berufung ber ©eneralftjnoben in 3mifcf)enräumen üon f)öcf)ftenö 
geljn Saljren Oerlangt unb baran bie gorberung gefnüpft, bie 
^Beobachtung ber ®onäib§befd)lüffe unb bte %eitnal)me an ben 



!) SöHinger 306. 

2 ) ©o bie SSiener §anbf<f)rift. 

3 ) b. b. §arbt I, 524. 



40 



$ritte§ Jfapttel. 



©tjnoben ben Prälaten gur Sßfltdjt magert. £)ai§ gefc£)tet)t 
mit ben SSorten: 

quod contra statuta concilii non possit 
dispensari, nisi in alio concilio, nisi forte ex 
magna necessitate et tunc consentientibus dua- 
bus partibus Cardinalium. Item quod praelati 
vocati adconcilium nonpossint venire per Sub- 
stitutes nisi ex c aus a gravis morbi; et aliae cau- 
sae non aeeeptentur, nisi approbantur in concilio; 
et contra contumaces in non veniendo proce- 
datur usque ad privationem beneficiorum faciendam. 

9Son ©rjlnfdjof SßtleuS »erben biefelben SSorfd^Iägc in 
folgenber SBetfe in Stbfdjnttt 10 unb 11 Vorgebracht: 

(10.) Item quod contra statuta conciliorum gene- 
ralium non possit dispensari nec aliquid concedi 
nisi in alio concilio, excepta magna necessitate, 
consentientibus et subscribentibus duabus parti- 
bus Cardinalium, sicut fieri consuevit temporibus 
antiquis et ordinati regiminis ecclesiae: quae subscriptio 
requiratur n. f. ro. (11.) Item quod praelati et alii ad 
concilium vocati non possint excusari per sub- 
stitutos nisi ex causa nimiae senectutis vel gravis 
passionis aut alia notoria causa: aliae causae non 
aeeeptentur et procedatur contra contumaces 
in non veniendo saltem boc modo, quod Uli, qui fuerint 
vocati et non venerint, si Dioecesanus ipsorum venerit, 
teneantur eidem, neenon Suffraganei, qui non venerint, 
et alii de dioecesibus ipsorum vocati Mefropolitanis ip- 
sorum, qui venerint, conferre subsidium inter omnes 
saltem pro dimidia expensarum, vel saltem aliqua alia 
timenda poena apponatur, ne concilia negligantur. 2 ) 

$8ergteicf)t man biefe beiben Serie, fo [ie£)t man, bafe bie 
burdj ben 2)ruct t)erborgef)o6enen SBorte itjnen gemeinsam finb, 



ö. b. §arbt I, 527 f. 
2 ) Solling er 303 f. 



£>te „Informationen" be§ ©r^bifa^ofS $ileu§ Don ©enua. 



41 



bafs alfo jömtltdje bebeutenberen SBorte unb ^Beübungen ber 
Capita auch bei $ileu§ ftefjen, unb bafj fic nur gang neben* 
fächliche Abweichungen aufmeifen. dagegen mufs e£ einem aber 
auch auffallen, tote ütet ausführlicher bie „Informationen" Ijter 
finb, mic fie gettuffe frniontjme unb pleonafttfdjje 9Iu<§brücfe 
haben, melcfje in ben Capita fehlen, oor allem tote fie allein, 
nicht aud) bie Capita, bie f)tftorifcf)e SBegrünbung am (Snbe be§ 
©a|eS aug Abfcfmitt 10 unb bie in3 einzelne gefyenbe ©traf* 
anbrof)ung gegen üerfäumten Äongtlgbefiidj im elften ^bfdjmtt 
aufmeifen. STuc^ biefer Vergleich fpritfjt bafür, bafj bei ber 
gufammenftellung ber Capita bie „Informationen" all Cuelle 
gebient t)aben. ®enn mollte man annehmen, ba$ $ileu3 an 
biefer ©teile bie Capita cmSgefdjrteben, unb baft er fie um bie 
bei ihnen fetjfenben Bufäfce bereichert fjat, fo märe e3 bocf) 
getüifc erftaunftcf), mie if)m biefeS geglückt fein foKte, o£)ne bafc 
er bamit aud) nur bie geringfte Unebenheit im Slusbrucf ober 
im ©a#bau tyerborrief. SSenn biefer galt uniüat)rfcr)emltc£) 
Hingt, fo ift ber umgekehrte um fo mahrfcheinlicher. 21nbrea3 
üon SRegenSburg, bem mir, mie bemerft, eine fyanbfdjriftltdje 
Überlieferung ber „Informationen" Oerbanfen, t)e6t felbft bie 
Ausführlichkeit ihres SSerfaffer^ tjeroor, bie eS öerfchulbet ^abe, 
bafr feine SBorfdfjläge beim 5?on§if nicht jur Annahme gelangten. 1 ) 
Stucfj bem SSerfaffer ber Capita, beffen Arbeit in einem mefent= 
liehen Seil nur furje unb knapp gefaxte SReformüorfdjläge an* 
einanber reiht, mar für feinen gmect bie Slrt beS pteuS ju 
meitfehmeifig, unb fo f)at er, ähnlich mie bei ber SBenufcung 
ber Avisata, ihm überflüffig 3)ünfenbeS gang auSgelaffen ober, 
mie bei ber langatmigen ©trafanbrohung im elften Abfcfmitt be£ 
SßileuS, einen fummarifchen SluSbrud bafür eingelegt. 



') ®en „Informationen" f)ängt er folgenbe SBemerhmg an: Ncota- 
bile. Item informaciones predicte archiepiscopi Ianuensis licet ap- 
pareant utiles, tarnen tanquam dispendiose a concilio aeeepte iaon 
fuerunt; quia tarnen inter cetera ad maous meas pervenerunt, 
propter formalitatem posteris relinquendam eas hic inserere cursavi. 
SBiener £ofbiblio%f, Cod. 3296 fol. 192; ©tabtbibliotfjef «Kemmingen, 
Uffenbadjfdjer $obef tom. I, fol. 511. 



42 



3)ritte8 fapitel. 



SDafür, bafe mir fo bie richtige Beurteilung be3 S[?erf)ätt= 
mffe§ zmifdjen „Informationen" unb Capita gefunben fjabcn, 
fpricrjt auch noct) eine anbere Beobachtung. Söenn ^ileuS bte 
Capita roirfticf) „gepiünbert" t)at, fo mirb er fict) mof)l niijt 
mit SIbfidjt auf bie Benutzung fotcfjer ©teilen befc^ränft tjaOen, 
bie feine (Entlehnung au<§ ber Epistola ober am§ ben Avisata 
enthielten. SSarum foEte er gerabe jene mit foldjen Qmt= 
lehnungen getnieben fyaben? 9ta aber feigen in ber %at bie 
Zum Bergleid) herangezogenen ©teilen ber Capita lebiglicf) mit 
ben „Informationen" Berttmnbtfdjaft, nidjt and) mit bem Briefe 
51iIIi§ ober ben Avisata, unb, toa3 bei ber geringen $af)l jener 
©teilen fernerer miegt, obfdjon SßiteuS oielfad) biefelben fragen 
betjanbett, mie foldje ©teilen ber Capita, roudje jenen Bor= 
arbeiten entlehnt finb, fo ift gerabe tjier funerlei auffaflenbe 
^Ct) n Itc^ f e tt feftuif teilen. 2(ud) I)ierau§ folgt alfo roenigften§ 
ber 2öaf)rfd)cinIid)feit§fd)IuB, ba^ ber SSerfaffer ber Capita bie 
„Informationen" benutzt Ijat, unb bafj hieraus? *e Übereilt 
ftimmung entftanben ift. 

Surfen mir aber nad) aüebem bie Benutzung ber „%n- 
formattonen" burd) ben Urheber ber Capita al<5 ermiefen be= 
tradjten, fo ergibt fid) neben ber Verarbeitung be§ Stiüifctjen 
Briefe^ unb ber be<3 Sßarifer 9?eformprogramm<§ eine britte 91rt 
ber Benutzung. (Sine mörtlidje ^peritbernarjme ber Borlage 
ober auch nur einzelner Kapitel unb ©ätje ofjne Dfttdfidjt 
barauf, ob mit ber Benutzung rebaftioneüe ober facf}Itct)e 
Söiberfürücfje in ba<§ ©an§e hineinfamen, liegt hier nicht oor. 
(Einzelne (Sebanfen ber Borlage mürben and) fykx * n bte 
©ammlung ber Capita herübergenommen unter Benutzung ber 
bezeidjuenben ?lu§brüde, aber nicht ohne ?lnpaffung an bie 
toenigftenS zum Steil in ben Capita üorfjerrfdjenbe unb gerabe 
im ®egenfatj ju ben „Informationen" fteljenbe fnaüüe $orm. 
Sa, zweimal mirb ein Borfchtag ber Borlage an einen enfc 
gegengefeijten angeknüpft mit ber nachbrüdlichen Betonung: 
»aliis videtur.« 2Bir haben e<§ alfo hier nicht mit einer mehr 
ober minber oberflächlichen unb rein äußerlichen Berarbeitung 
einer Borarbeit zu tun, nne bei ber Epistola unb ben Avisata, 



$>te „Informationen" be§ ©r§btl"(f)Df§ $ileu5 bon ©enua. 43 



fonbern mit einer oöllig frtttfdjen üöenutmng, au3 beren be= 
fonberer ?(rt mef)r noch mie au§ jenen einfachen Entlehnungen 
auf ben ßmecf unb ben (Sfjarafter ber mit ben Capita gebotenen 
(Sammlung gefcfjtoffert roerben fann: ©ie motten offenbar gar 
ntcf)t gleich jenen gat)Uofen gleichseitigen unb ähnlichen ©Triften 
eine 2lneinanberreit)ung oon 9?eformmünfchen einer einzelnen 
^erfon bieten; ttjr Urheber ftetjt gemiffermafcen auf einer teeren 
SSarte unb gibt objeftto unb orrne ftc£) bie fremben 2tnficf)ten 
$u eigen gu machen unb i£)ren Urfprung gu Oerbetfen, ba§jenige 
mieber, mag ihm ^u einer 5ln§a£)t oon SReformfragen fidj barbot 
ober mitteiten<§mert erfcrjien. 

2Öenn fo bie Sefanntfcfjaft mit ben „Informationen" un§ 
iueferttltcf) förberte in ber (SrfenntniS be3 gm ecfeS, ben man mit 
ber gufammenfteüung oer Capita üerfolgt fjaben mag, fo ift 
ba3 nicht minber ber galt mit Se^iehung auf bie grage, mann 
fie entftanben finb. 2Sa3 bie ?lbfaffung^eit ber „Snforma* 
tionen" betrifft, fo ift auf bie ©teile miebertjoit fjmgemiefen 
morben, mit beren §ilfe ber terminus post quem feft§ufteüen 
ift. 1 ) Sm feiten ?lbfc£)nitt mirb über bie ©teflung unb Wla ct)t= 
befugniö be§ ©eneralfon^ilS eine Definition oerlangt mit ben 
^Sorten: Secundo, quod declaretur auetoritas et potestas 
Concilii generalis. Unb babü fterjen bie bret Söorte: Hoc 
expeditum est. 2 ) Diefe brei äöorte müffen naef) bem 6. Slprit 
1415 ntebergefc^rieben fein, bem £age, ba befanntlich in ber 
fünften feierlichen ©itmng bie ©uperiorttät be§ Sonstig ü6er 
ben $apft aU Dogma proflamiert mürbe unb alfo jener $or= 
berung ©enüge gefegt). Diefe gorberung fetbft aber ift t)or 
bem 6. 2ipril niebergefcrjrieben, ba fie ja fonft feinen ©tnn 
t)ätte. Da nun au£ ben (Sinteitunggmorten ber ©djrift heröor* 
geht, baf? gur $ett ihrer Slbfaffung ba<§ ßonftanger ton^tl bereits 
oerfammett mar 3 ), fo folgt, bafe menigftenS ein Xeit ber 

*) %enerbing§ Don ©ouefjon, ^ato[ttüaf)Ien II, 202 2lntn. 3. 
2 ) ®ömnger 301. 

8 ) ®öllinger 301: Cum hoc sacrum et generale Constantiense 
Concilium convocatum sit non solum propter ... 



44 



®rttte§ £ct{üteC 



„Informationen" in bei* erften $eit beö ®on%i{§, gtoifdjen bem 
üftooember 1414 unb bem 2lpril 1415, entftanben ift, imb bafe 
bie (Sdjrift, fo roie fie fjeute oor un3 liegt, umfjrfcfjeinlid) balb 
nacfj bem 6. 9lpril Oeröffentlicfjt umrbe. £)afür fpridjt aud) ber 
Snfjalt be<§ 3. 2lbfd)nitte3 mit ber Über) (f)rtft : De presenti 
concilio non dissolvendo. $8or einer Huflbfung be§ ÄongUS, 
beoor e§ bie ®ircf)eneinf)eit Ijergeftellt £)at, mirb fjier unter allen 
Untftänben gemarnt. 2113 ber Slntor biefe SSorte nieberfdjrieb, 
muffen alfo tt>of)l entgegengejefcte ^öeftrebungen im ®ange ge= 
mefen fein, ©ottte ba§ Stongtt aber mit 9iütffid)t auf bie grofee 
oer Prälaten ftc£) nidjt folange jufammenl^alten laffen, fo 
möge man, fäfjrt ber @r§bifc§of $ßileus fort, eine beliebige Qafyl 
bon Ä'on§iI§mitgIiebern al<§ Sliüöfcfjufe einfetten, meinem bie üolle 
Autorität be<§ ©efamtfongilS gufornmen müffe, unb ber bi<§ jur 
(Srtebigung ber tlnionäfrage pfammen^ubleiben bjabe. £)er gleite 
eigenartige $orfd)tag finbet fid) nod) an einer anberen ©teile 
unb §mar in bemjenigen ber Se^emberanträge öon 1414, roelcfjer 
mit ben SSorten: »Quia in praesenti concilio« beginnt, unb 
in melcf-em ginfe einen furj nad) bem 7. £)egember eingebrachten 
93ermittelung3üorfd)lag be§ ®arbinalS Slitti erbtieft. Seibe $or= 
fdjläge finb mofjl stemttcf) jur fetbigen geh entftanben, in jener 
erften fdjmüten $eit be§ tonnte, ba oou ?lnrjängern be3 
^ßapfte3 ^ofjann ber tetjte Q3erfud) gemacht tourbe, burd) eine 
Vertagung be$ ®on§ib§ ifjren §errn au3 feiner fd)roierigen 2age 
gu befreien ober aber menigftenS burefj eine förmltc£)e 33eftätigung 
ber ^ifaner Sefcfjlüffe feine (Stellung gegenüber ben beiben 
finalen 51t feftigeu : eine Söfung ber Uniongfrage, metdje aufjer 
ben intimen Parteigängern be§ $apfte3 balb ntemanb met)r aU 
eine mirflidje Söfung anfal). Sind) biefe ©rmägung beftätigt 
alfo bie obige Slnnaljme, baf? ein Seit ber „Informationen" 
{ebenfalls in ber erften ^ongit^eit entftanben ift. ©afj fie aber 
nidjt lange nad) bem 6. 2lpril 1415 Oollenbet unb üeröffentlidjt 
finb, bafür fprid^t aud) bie mieberl;olte ©rmärjnung eiue3 dominus 
noster papa. 1 ) ©er 29. Wai 1415 mit ber Stbfeijung 



*) Slbf^nitt 12, Södinger 304. Slbfcfmitt 28, 3)ÖHinget 307. 



®ie „Informationen" be§ (£rgbt|c^of§ 5ßileu§ öon ©enua. 45 



So^anng XXIII. fianb alfo noch beüor. ©oüiel läfjt fidE) ; ür 
bie 5l6[affitng^ett ber „Informationen" mit ziemlicher ©tc^erfeit 
feftftellen. 

Sine fernere Beobachtung unb (Schlußfolgerung möchte 
ich aU 3Ba^rfcf)eintic§Eett^6emeiä nur mit ber gebotenen $8orficf)t 
£)ter anfügen. 3n ben öanbf driften folgt ben „Informationen" 
unmittelbar ein ©efdjäftSorbnunggantrag unter bem Xitel: 
Quoddam avisamentum nacionis Italice. Unten teerten 
mir Sßeranlaffung haben, be§ näheren auf ifyn einzugehen. Slitcf) 
ginfe tjat oon ihm Dxotiz genommen x ) unb bie Vermutung auf= 
geftellt, baf$ feine (Sntftetjung mahrfcheinlich in bie Qät bom 
15. 6t3 etma 20. gebruar 1415 fällt. 9?eben bem SSorfchlag, 
einen ^epräfentatiüauäfcfjufe ber Nation einzufetten, ift tovfyl 
ba§> Sntereffantefte an biefem eintrage, baß biefer 5luöfd)ufe bie 
übrigen Prälaten aufforbern foll, innerhalb eines beftimmten 
geitraumeä ihre Sfeformtiorf cfjtäge fc^rtftlicf) einzureichen, bie er 
bann feinerfeit§ famt bem Oon bem Slntragfteller 
hierzu bereite b eigebractjten Später ia I in eine gemein* 
fame rebaftionefle Raffung zu bringen f)at. 2 ) SSenn man fiel)t, 
bafe biefem eintrage in ben |mnbfcf)riften unmittelbar bie „£m* 
formationen" oorau3gehen, fo fann man faum im greifet fein, 
maS mit biefem „bereite beigebrachten Material" gemeint ift: 
e<§ finb eben bie „Informationen" fel&ft. 2)arau§ folgt aber 
einmal, bafe ber ©rzbifcfjof öon ©enua aucf) ba§ Avisamentum 
öerfafet t)ftt, fobann aber aucf), ba bie Datierung be£ Sfotia* 
mentS burd) $infe fef)r luafirfc^emltcf) Hingt, bafe bie „3nfor= 
mationen" in ihrem mef entlichen Seil Oor ber feiten §älfte 
be3 Februar 1415 üollenbet finb. Sene Sßemerfung zum $or* 
fa^tage be<§ 2. 3lbfc§nitteö (hoc expeditum est) märe bann eine 
nachträgliche, burch ben ©ang ber ©reigniffe heroorgerufene $utat. 

9Jat «Sicherheit fönnen mir alfo behaupten, baf$ bie „3n= 
formationen" in ber erften 3eit be§ föonftanzer $onzil§ üor 



J ) fyor^ungen u. Quellen ©. 35. 

2 ) . . . tarn ex omnibus sibi datis in scriptis per prelatos 
prefatos quam ex liijs que dixi . . . 



46 



5ßterte§ Äapitel. 



ber Abfetsung 3of)ann<§ XXIII. entftanben finb. $ür bie 
Capita folgt rtatürltd) Ijteraug, baft fie n a d) biefem geitpunfte 
entftanben fein müffen. bleibt fomit immerhin nod) ein meiter 
(Spielraum für bie genauere Datierung unferer ©djrtft, fo finb 
mir bocf) biefem Qkte ntcfjt unmefentlid) nätjergerüdt. SBir 
fünnen je&t mit gutem 9fted)t behaupten, baß bie Capita nicf)t 
cor bem Äonftongcr' Äongil, fonbern erft mätjrenb be3felbeu 
entftanben finb. 



öerfotis Sdtjrlft: De vita spirituali animae. 

2Bir tjaben oben (@. 28) üon einem actjtgetjnten Kapitel ber 
Capita gefprodjen unb ba^u in einer Anmertung erftärt, bafj mir 
barunter „ba<§ ®erfonfc£)e @tüd" üerftetjen. ift ba§ ein 
%dl be§ Straftaten de vita spirituali animae, meieren 
SofmnneiS ®erfon mätjrenb feines Aufenthaltes in SSrügge in 
ber $eit öon 1397 bi<§ 1401 öerfafet unb feinem Setjrer Stillt 
öon ba überfanbt fyat. 1 ) 2)a§ betreffenbc <5tüd ift ber oierten 
SBortefung entnommen — in fedjS Sortefungen gltebert fidj bie 
gan^e ©djrtft — unb betjanbett bie StommunionSfoerre bei 
©enerat^enfuren, liefert a(fo einen Seitrag §u bemfclben %i)cma, 
ü6ermetcf)e3 aud) ba£ unmittelbar öorfyergefycnbe fieb^efjnte Kapitel 
fjcmbett.: de censuris ecclesiasticis et irregularitate. 23on ber 
£)arbt tjat bem StbbrucE btefeS ©tüde<§, beffen Urfprung aud) 
Unit befannt mar, eine Semerfung 0orau3gefcf)idt. 2 ) (£<§ fcfjeine 
ifym, at<§ ob ber Äarbinat gabarelta, oen er i a f^ r oen ^ eri 
faffer ber Capita t)ält, ©erfonS ©cfjrift cr^erpiert Ijabe, um 
feine eben, geäußerten Sorfdjtäge jur Reform be3 ©jfomnutnt* 
fatiom§recf)te<§ burd) bie Berufung auf eine Autorität mie ©erfon 

x ) ©ebrueft in ©erfon§ opera, ed. Dupin III, 62. 

2 ) ö. b. igarbt I, 530: Apparet autem, haec ab ipso Cardinale esse 
excerpta ex Gersone et confirmandae atque illustrandae suae sen- 
tentiae causa allata. 



©erfonS Sdjrift: De vita spirituali animae. 



47 



nod) empfehlenswerter machen. 5n ber Xat reif)t fid) iia§ 
©tücf in ber Sßiener #anbf djrtf t bem ftebäeljnten Kapitel unmittelbar 
an unb ^mar mit ber Überfd)rift: Sequuntur plures Conclu- 
siones in materia ferendae excommunicationis sententiae, 
positae per magistrum Johannem Jarssona, cancellarium 
Parisiensem. Mein ba t§> hier ben ©djlufe be3 ©anjen 
bilbet, tft bie üon Don ber §arbt gezogene Folgerung ntdjt mit 
9coÜuenbigfeit ju gietjen unb nicht unanfechtbar. £)a§ (Ser* 
fonfctje ©tüd tonnte aud), roenn man allein mit bem %aU 
beftanb ber Söiener §anbfchrift 51t rechnen hätte, §u irgenb einer 
fpäteren $eit unb burct) irgenb einen gufaü an bie eigentliche 
©cr)rift angefügt morben fein, für unfere Duellenunterfucfjung 
mürbe bann jebenfaHS nidjtö ©id)ere3 feftguftelten fein. 

SnbeS ^ier ift e<3 bie römifd)e ^anbfcrjrift, toeldje olle 
groeifel befeitigt. Sn ber Liener £anbfd)rift ift bem eigene 
ticken Xraftat eine Inhaltsangabe m it ben Überfc^rtften ber 
einzelnen Äapttel Uorgefe|t. 2lu<§ biefen Überfchriften gcf)t 
herüor, ba§ bie SSiener #anbfdjrift ben Xraftat nur ftn'notf 
ftänbig miebergibt; benn ntdjt wenige ber ®apttelüberfd)riften 
erfahren im fotgenben gar feine (Srlebigung. dagegen geht au§ 
ginfeS Mitteilungen herüor, bafe bie römifche §anbfchrift einen 
üoUftänbigeren Xejt enthält, unb in ihr ftefjt baS ©erfonfct)e 
©tücf mitteninne jmifchen bem bisher gebrueften unb bem noch 
ungebrueften Zeil, e<§ gehört atfo in öoHem Umfange unb in 
jeber |)inftcht ju bem Straftat unb nicht anber3 mie bie oon 
anberSwoher entlehnten ©tüde. 1 ) 

daraus folgt aber für un§ ber ©chlufe, bafj neben bem 
Briefe 2liHi§, bem ^eformgutachten ber $arifer IXnioerfität unb 
ben Informationen be§ (SrgbifctjofS ptteu3 noch eine öierte 
©d)rtft ihr Material gu ben Capita geliefert hat, eben bie 
©d)rift @erfon3 „Über ba§ geiftige Seben ber ©eete". gür bie 
Sfiethobe ihrer S3enu|ung aber tft feft^uftellen, bafj ein gufammen* 
l)ängenbe<§ ©tücf au<§ ihr herau3gefd)nitten unb an einer ©teile 
ber Capita eingefügt mürbe, Wo e§ %ux SSerüoGftänbigung be§ 



*) Sgl. ginfe, gor^ungen unb Quellen, ©. 106. 

£iftorifrf)e »ißliot^ef. XV. 4 



48 



günfte§ ßajrftel. 



Borf)ergef)enben biente, genau alfo, tote bei ber Benu$ung be§ 
3KHtfdjen Briefes unb fo mannen 5Iu§fc^nitte^ au3 ben Avisata 
Detfarjren tuurbe. (Sine rebattioneHe Verarbeitung be§ @nt* 
lehnten fanb fjter fo wenig ftatt, bafe felbft ber 9?ame beS 
ursprünglichen 2Iutor§ ntdjt unterbrücft tuurbe. Tld)X wie au3 
allem anbeten fdjetnt fyaauä ^etDotgugetjen, bafc man bie 
Capita ntdjt als bie literarifdje Seiftung eineS einzelnen ober 
afö ba3 planmäßig äufammengeftellte Programm einer ®ruppe 
non SRefotmfreunben angufel)en Ijat, fonbern al§ eine ^ufammen- 
ftellung Don Material für bie u er f ergebenen fragen ber Reform, 
bic tebiglid) prafttfdjen gtueden bienen follte. ©o Uiel mir 
fomit gemonnen t»aben für bic Beurteilung ber Capita im 
ganzen, fo menig bietet un8 ba<§ gule^t gemonnene 9Refuttat für 
bie grage, gu welker 3eit fie entftanben finb. S)tc ©erfonfdje 
©djrift ift biet früher al§ bie fämtlicrjen anberen bisher feftge= 
fteHten Vorarbeiten toerfafet, fie ift atfo für biefe grage ofme 
Belang, unb e3 bleibt aunädjft babei, bafe bie Capita tuäfjtenb 
be§ tonftanger ÄongilS entftanben finb. 



günfteS Kapitel. 

Das neunte Kapitel der Capita. 

Bei ber gortfe|ung unfetet Quettemmterfudjung fdjeiben 
bie auf ifjren Urfprung äurüdgefürjtten STette bet Capita natür* 
lief) al3 erlebigt aus unb e§ fragt fid) nun für ben Oerbleibenben 
Sfieft, ob nietjt er ober feine Steile fid) gleichfalls auf eine ober 
mehrere beftimmte Borarbeiten gurüdfütjren laffen. ©en ®e* 
bauten, bafi biefer oerbleibenbe SReft im gangen oielleicfjt einen 
gemeinfamen Urfprung habe, fann man balb faüen laffen, 
fobalb man fict» nämlich oergegentuärtigt, tute betrieben bie 
gorm auc^ noc f> in oie i em W e ^ an braucht bagu uut ba§ 
Uiette unb ba§ neunte Kapitel ju betrachten, Uon benen ba§ erftere 
in feiner noch übrigen erften #älfte faft burcfjioeg au3 fnappen, 



5)a§ neunte Kapitel ber Capita. 



49 



lofe aneinanber gereiften ©titjen beftefjt, roäfyrenb ben ßern be£ 
neunten ®apiteb§ ein größerer, aud) im 2lu<8brucf unb in ber 
.^onftruftion äufammentjängenber ©ebanfenfomplej bitbet. 3lber 
aud) ber $n£)alt biefer ©rüde beftätigt ntc£)t nur biefe 33cob* 
acrjtung, fonbern er tft auct) geeignet, in Söepg auf bie Äom= 
pofition ber Capita §u weiteren ©djtüffen %u führen. 28ir 
beginnen biefen £eil unferer ^efpredmng mit bem neunten 
Kapitel unb füt)ren in aller ^ürje feinen Snt)a(t üor. 

23ereit3 feine Überfct)rift ift auffallenb unb fetjr üerfcfjieben 
Hon ber 2lrt ber übrigen. SDiefe beuten au^nat)m^(o^ furj 
«inen ©egenftanb an, ber auöfc£)tiefeltc^ ober bod) tjauptf ablief) 
in bem Kapitel jur Seljanblung fommt : Sefämpfung ber £mre= 
fien, Debifion ber ttjeologifctjen 2et)rbüd)er unb ber fird)licf)en 
)Kecf)t<§fammiungen, Union mit ben ®ried)en, 93?af$regeln jur 
Vorbeugung neuer Sftrcrjenfpaitungen u. f. m. dagegen lautet 
sie Überfctjrift be3 neunten ÄapiteB: De toto statu eccle- 
siastico in genere. 2)ie Segart biefer Überfctjrift roie be§ 
folgenben 2ejte§ ift atterbing£ nad) ber SSiener §anbfd)rift 
uid)t gan§ gefidjert. ©ie roirb raafjrfdjeinlict) au£ fpäterer $eit 
unb irgenb einem Hbfdireiber entftammen, fie beutet aber ben 
$nt)alt be§ Kapitels bod) in geroiffem ©inne richtig an. £)enn 
mätjrenb fonft üom erften ©atj ber Capita an Deformoorfcrjläge 
p beftimmten fragen gemacht roerben unb biefe 2Irt, nur abge= 
fetjen oon bem (e^ten Seit be§ üierten Kapitels, fid) buret) bie 
gan^c ©djrift I;tnburcr)§tet;t r roirb t)ier p(ö|licf) ein ganj eilige* 
meiner Xon angcfctjlagen, ben man eigentlich nur ( ^u Anfang 
•einer foletjen ©ctjrift erroarten foüte : „?luf bem ^ßifaner ^on^il, 
roeldtjem mir unfere gan^e ©teHung oerbanfen, ift bie Sßornafmte 
dner Deformation ber ®irctje an §aupt unb (^Hebern befdjloffen 
roorben. £)a hierbei, menn man auf3 einzelne eingebt, bitterer 
Säbel nidjt §u oermeiben ift, fetjeint e3 äroedmäfuger, lobend 
merter unb roirfungSöoller §u fein, menn mir ' auf ba§ 2Utge* 
meine übergeben. Unb ba ift §unäct;ft ber ©runb für bie 
heutigen äftififtänbe feftguftelten : @§ ift bie £atfad)e, bafc bie 
norfjanbenen ®efetje, an benen e3 nietjt fetjlt, nietjt befolgt 
merben, baß e§ an ©trafen für Übertretung ber ©efet^e 

4* 



50 



günfte§ Kapitel. 



unb an ber richtigen @je!utiue gemangelt fyat." @§ folgt nun 
eine 9?eU) e oon fpejteHen SSorfd^Iägen : ©enaue Beobachtung ber 
(Maffe Sof)ann§ XXII. in Beziehung auf bie Sfrtrtatämter ; 
nur (Siner, ber 51t einem Amte qualifiziert ift, foH e§ erhalten, 
bann aber auct) perfönlid) oermalten; bie Qafjl ber ©friptoren 
unb Abbreüiatoren foll üerminbert merben. „Rubere halten es> 
ferner für beffer, bafc bie Betätigung ber 3öat)Ien nad) ben 
Beftimmungen bes§ gemeinen 9?ed)t§ burd) bie Drbinarien erfolgt, 
bafj nur bie Betätigung ber Patriarchen, ber Metropoliten, 
ber e;remten 5£trct)en unb Softer in ber Siegel, bie ber übrigen 
©teilen nur im $alle ber (Strittigfeit unb ber AppeEation bem 
ap oftolifcl)en ©tufjle zuftehen foE. £)aburc£) mürbe etnerfett§- 
ba£ gemeine 9?ed)t gemährt, aitberfeitö burd) bie Appellationen 
bem Sntereffe ber Shtrie ©enüge gefd)el)en. Sie Annaten f ollen 
ooEftänbig in SSegfaE fommen. S)iÄpen8ertetlungen gegen bie 
Beftimmungen be§ gemeinen fRecfjt^, üor altem aud) gegen Be= 
fdjlüffe oon ©eneratfonzilien, f ollen befämpft merben. Sie 
$reif)eit ber SBat)len fctjü^e man burd) ©trafanbrohung gegen 
jegliche Art oon Beeinfluffung. £)ie ©trafen foEen bei jebem 
SBaljIaft üerlefen merben. &fj n ikl) möge man e§ bei ber Über* 
tragung oon Benefigien galten." ÜJcadjbem bann augbrüdlid). 
Ztoei ©teilen be§ fanonifcf)en 9iecfjt3 genannt finb, beren Be- 
folgung anempfohlen mirb: Mretalen ®regor<8 IX. Hb. 1 
tit. 6 cap. 43 quisquis electioni de se factae unb cap. 7 
cum in cunctis sacris ordinibus, mirb fo fortgefahren : 
„hieraus folgen unbegrenzte Borteile, ohne bafe ben fechten 
ber römifdjen SÜirdje Abbruch gefchieht", unb nun folgt eine 
Aufzählung biefer Borteile, meld)e für biefen Seil ber Capita 
mohl ba§ am meiften ©harafteriftifche ift: „Sine fold)e, bei bem 
Raupte ber ®ird)e beginnenbe unb auf ber SSieberbelebung be3 
gemeinen 9iedE)t§ beruhenbe 9ieform mürbe ber römifchen $ird)e 
einen lange nicht gefannten Üiutjm oerleihen, mäljrenb fte heute 
oon oielen gefchmäht mirb. ferner mürben mir bamit ben 
fettend ber meltlid)en dürften unb ber Prälaten gegen un<§ unb- 
bie römifdje Äirdje geplanten ^etnbfetigfetten juüorfommen- 
Wan mürbe un§ bann allgemein gehorchen, unb nicht mir, fon^ 



®ct§ neunte Kapitel ber Capita. 



öl 



bern Sene würben fic£) bor bem ©eneralfonjit freuen. @g 
mürben ftcf» bann ferner mieber (Mehrte finben, bie fic£) mit 
bem ©titbtum be3 fanonifchen ^ecrjtS befaßten unb bte SSerljerr- 
ricfutng ber 9Jcacf)t be£ römifcfjen @tuhle3 für tf)re Aufgabe 
hielten. 2)a3 märe ^ttgletcf) bon günftigem ©influfe auf ba§ 
Verhalten ber meltltcljen Surften, bte bann mieber burcf) gelehrte 
Ratgeber erfahren tonnten, ma3 eS f)et§e, bte ttrcljttcfjen gret= 
fjetten anhaften. 3htcr) bte Sage ber orbentltcf)en (Stetten- 
befefcer mürbe geminnen, ba fie mit bem §inmei£ auf ba3 ©efeti 
entfchutbigt mären, menn fie feine fenahme machen mollten 
(Sbenfo mürben $abft unb ftarbinäre gegenüber ben SSünfctjen 
ier dürften gebecft fein. Sric^t^beftomeniger mürbe ber $abft 
leicht in ber Sage fein, fein ^ßrobiftonSrecht 31t erroeitern, meit 
bei einer fcfjärferen Prüfung ber Sßa^en fidE) nur menige aU 
fanonifcf) ermeifen mürben. (Sine folctje ^Beobachtung ber ®e= 
fe£e mürbe für ben «ßapft eine grofee moraltfäe (Snttaftung 
bebeuten, unb e§ mürbe pgteic§ eine gefährliche (Sin^elbefprec^ung 
unb 5lufäät)timg ber 3ieformpunfte oermieben. Wlan fäme fo 
auc^ "ber eine Reform im einzelnen t)inmeg, bie bocf) nic£)t boE- 
fommen fein fönne. @nbücf) merbe aus einer Söieberbelebung 
be3 gemeinen Rechts ber Vorteil entfbringen, bafe eine auf t£)r 
f>erut)enbe Reform öon ben beteiligten teictjter ertragen merbe, 
mäfjrenb fie einer anberen oielteicht gar nicht gehorchen mürben." 

biefe ^uf^ä^ung üon ©eftct)t§punften, im gangen gef)n 
an ber Qaty, metc^e nach 2lnfttf)t be<S SSerfaffer^ bem ^eiligen 
©tunj e3 geraten erlernen raffen muffen, bie Reform bei fiel) 
felbft §u beginnen unb fie im ^ringib in ber fct)ärferen Beob- 
achtung ber fanonifchen 9facht3beftimmungen beftetjen §u raffen, 
rei^t fich noef) eine Sui^af)! üon ©ätjen an, meiere ben gtueef 
haben, etmaige bebenfen gegen biefe 2lrt ber Reform gu §er- 
ftreuen. 2)em (Sinrourf, bafe mit biefer bie für ben ^etfigen 
©tuhr fo einträglichen 9teferbationen unb (Sjpeftan^en in gort- 
falT fommen mürben, mirb mit bem §inmei<5 begegnet, bafj bie 
nach oem gemeinen 9?ecf)t Oerbreibenben noch zahlreich genug 
jein mürben, gu bem gemeinen Riecht merben Mm auch @£tra- 
baganten, namentlich bie Söulle Execrabilis Soh'auneS' XXII. 



52 



fünftes Kapitel. 



öon 1317 unb bie Sülle Ad regimen 23enebift!§ XII. öon 
1335, geregnet, gerner roirb barauf t)tngeiüteien, ba£ auf 
(Sfrunb einer folgen Reform ben ^rälaten bte fogen. visitatia 
liminum, bte Steife nadj 9iom, loieber gur Sßflidjt roerben 
mürbe, moburcfj bann itjre 9(cf)tung üor $aöft unb ^arbinälen 
nur geroinnen tonnte. 

$)a§ neunte Äapitel fdjltefet bann mit fotgenben ©ebanfen : 
SKandjeS, roa<§ ber Reform bebarf, ift im gemeinen 9iedjt nicfjt 
beutlicl) enthalten; bieg ift burcb päpftttcJje tonftitutionen ju 
regeln, bie §um STett ber ?löörobation be<§ ©eneralfoitätfö be^ 
bürfen. 2)ie £auötfaccje ift unb bteibt aber, bafe aucf) auf bie 
SluSfütjrung ber ©efefce gefefjen roirb, unb ba£ ttjre Übertretung 
beftraft wirb, roeil fie fonft nidjtg nüfcen fönnen. 2)abei roirb 
e§ unter anberem öon üftut;en fein, baß bie Prälaten öon recfjt^ 
roegen gelungen finb, ^ßroom^ialf^noben unb ®eneralfaöitet 
abgalten, bei benen ein öäöftlicfjer Nuntius anroefenb ift, um 
bem s $aöft über bie SSer^ anbiungen Sertdjt gu erstatten. 

©oöiet öon bem Snfjatt be§ neunten Äafcttefö ! 2Bir Imben 
geglaubt, gtemticf) genau auf benfelben eingeben ju f ollen, roeil 
mefjr nocfj als bie biötjer nacfjgetuiefenen Duellen ber Capita 
un3 btefeS ©tücf geigt, au3 roie heterogenen Elementen bie gange 
©djrift gufammengefettf ift. (Sin einiger ©ebanfe ift e§, melier 
ftc£> mie ein roter gaben burcf) ba£ ©tücf t)tnburd)§tet)t : @3 ift 
bie 90?at)nung an ben Sßatoft, ber Neformberoegung mit einer 
Reform ber ®urie ben Söinb au§ ben ©egeln §u nehmen unb 
im übrigen auf eine ftrenge Befolgung ber fanonifcfjen fRec£)t§= 
beftimmungen gu achten. 2Senn aucl) btefer £>auptgebanfe flar 
gum 5lu3brucf fommt, fo ift boct) aucf) biefe£ @tücf rttctjt frei 
Oon Unflarfjetten, Sßiberförücfjen unb SSieberfjotungen. 06 fie 
bie golge einer fd)tecf)ten Überlieferung ober be3 9ftangel3 einer 
©crjtuferebaftion, ober aber einer Neubearbeitung be§ Originale 
finb, roirb fiel) fcfjroerlict) ofme eine üergleicf)enbe £>erangieljung, 
öerroanbten Materials entfcf)eiben laffen. $ür un§ entfielt t)ter 
nur bie grage: SSie öerbält fiel) jener ©runbgebanfe p bem, 
roa§ mir btgfjer über gufammenfetmng, ©ntftefnmg^ett unb 
3roecf ber Capita glaubten feftftetlen 51t fönnen? 



S)a§ neunte Kapitel ber Capita. 



53 



S3t^t)er fjtelt man bie Capita für eine ©ammlttng üon 
SReformüorfctjtägen, roeldje toegen ttjrer teUtoetfen 23enu$ung bei 
ben Sßrotofoften be<S erften unb fetten Stonftanger 9Jeform:iu3= 
fdjuffeS, bei ben ©efreten ber 39. unb ber 43. ©ifcutng, ber 
^eformalite 9}fartin§ V. unb ben Äonforbaten befonbere 93c* 
acfjtung üerbienten unb beren Slutor unb ©ntftefjung^eit feft* 
§ufteEen üon befonberem t)tftortfcr)en Sntereffe fein mußte. 2öir 
fjaben nun nadjgemiefen, baß ber fett XfcfmcEert feftgefjaltene 
mefenttictje ©runb für bte 2tnnaf)tne, als ob ber ®arbina( üon 
(£ambrat) §unäct)ft bte Capita oerfaßt tjabe, unb al§ ob öiefe 
bann im ©cfjoße be3 ÄarbtnalfoUegiumä unter 5ItHt§ (Shifhtß 
unb gang in feinem ©inne raeiter üerarbeitet morben feien, 
tjtnfäHtg ift, baß ber Slittifcfye 93rtef üon 1411 ntdjt ben Capita 
entnommen ift, fonbern baß er tt)rem Urheber al<8 Quelle ge^ 
bient fyat. Cime um§ nun auf bie für bte bisherige 2Iuffafutng 
beigebrachten ©rünbe gmeiten unb britten langes? etngutaffen, 
fucfjten mir gunädjft, eine möglidjft üollftänbtge OueIIenunter= 
fudjung ber Capita gu liefern, unb babet haben mir benn feft* 
gefteöt, baß außer jenem Slillifcfjen Briefe noct) ein SReformgut- 
ac£)ten ber llniüerfität $ßari<§ au§ bem Satjre 1411 ober 1414, 
eine SReformfdjrift be<§ @r§bifd^of§ ^ilett<§ üon ©enua am§ bem 
SInfang be§ ^onftanjer fionjtte unb ©erfon<§ über de vita 
spirituali animae, ba<§ biefer um 1400 üerfaßt ^at, al§ Duellen 
für bie Capita benutzt morben ftnb. Me biefe ©Triften maren 
aber ntdjt gleichmäßig üerarbeitet morben, bie eine üietme£)r in 
geringerem, bie anbere in größerem Umfange, alle aber gu 
bem offenftc^tIict)en Q'mede, bereite üorf)anbene§ 9Jiatertal $u 
üerüollftänbigen. 

2)iefe3 bereite üorljanbene Material, mte e3 urfürüngttcf)er 
ift ab? ba£ au§ anberen ©djriftett §ugefü£jrte, läßt aud) er* 
martcn, baß e3 einem ben flareren Sluffcfjtuß §u geben üermag 
über bie urfprünglicrje STenben§ ber ©cfjrift. SDtefe meift nun 
aüerbing§ gang beutlicf) im großen unb gangen bie bisherige 
Sluffaffung al<§ richtig nacf), baß bie Capita eine für ein (General* 
fon-uT beftimmte ©ammlung üon Üieformüorfcf)lägen fein follen. 
®teidj ber erfte ©a| be§ erften Kapitels beutet barauf t)tn unb 



54 



fünftes ftopitcl. 



feiner fnaüpen, in bie 5(rt eine<§ 2lntrage<§ geleiteten $orm ent- 
fpredjen bie felbftänbigen @ä|e ber übrigen Kapitel, mie aud) 
i£)r iynijalt auf benfelben ßmed ber ©djrift fjinbeutet. 1 ) 9lm 
letdtjteften fügten fid) nun biefen ©ätjen bie au£ ben Avisata 
entlehnten ©tüde nn, fd)on med fie ^ur 2lupaffung feiner 
cwfeerttdjen SSeränberung beburften, ba fie einer ©ammlung üon 
D^eformüorfcrjlägen entlehnt unb nur in eine anbere übernommen 
mürben. Stfmlicfj ging t§> mit ber ©enutjung ber Informationen 
unb ber ©erfonjdjen ©djrtft. ©agegen bringt bie herüber = 
natjme be3 ?tiUifcfjen ©riefet bie erfte Unflartjeit in ba§, ma§ 
man für ben 3med ber Capita glaubte galten §u müffen. 

Sßir tjaben oben §mei roefentlidtj berfd)iebene STeite in bem 
©riefe unterf cfjteben : $)er erfte enthielt ©orfcfjläge §ur SSer= 
fyütung neuer ^ircfjenfpaltungen, fdjlofj fid) alfo in ber ©acrje 
logtfdj, menn aud) unter auffälliger Häufung be<§ ülftaterialg, 
an ba<3 ©orfjergerjenbe an. 5m feiten %tii bagegen tritt ein 
gang unüereinbarer ©egenfat* §u bem fdjeinbaren gfttd ber 
©efamtfdjrift §utage: 5)er Sßapft mirb ermahnt, eine Reform 
ber römifcfjen ®ird)e au<3 eigener Snitiatiöe Oorgunefimen unb 
im übrigen einen STugfcrjufi mit ber Beratung ber 9teformfragen 
§u betrauen. £>er ®egenfa£ ju bem im übrigen feftgelegten 
©fjarafter unb gmed ber Capita ift flar. 2Ba<§ foll biefer au§ 
einem üiel früheren ©tabium ber (Sntmidlung ftammenbe, nun 
burd) bie Xatfadjen längft übertjolte $8orfd)Iag bebeuten ? 2tt<§ 
^ßeter öon 2lifli feinen ©rief an Sofjann XXIII. richtete, ba 
märe e<§ in ber %at öielleid)t nod) möglid) gemefen, burd) 
fctjteuntge SIbfteüung ber fdjlimmften Sttifjftänbe ben natjenben 
©türm 511 befdjmören. 9lber mie fonnte baüon nod) bie 
D^ebe fein in einem Slugenblid, ba ba§ ^onftan^er ^on^il oer= 
fammelt unb in einzelnen fdjroierigen SReformfragen bereite ein 



x ) Cap. 1 : Primum agendum in concilio erit de fide, ut extir- 
pentur errores, si qui pullulant. Cap. 2 : Constituantur in concilio 
aliqui pocioree, qui revideant libros sacrae paginae et iuris u. f. tu. 
(Sbenfo ber erfte Seil be§ 4. tapitelS, jolute be§ 5. bt§ 8., 10. bt§ 12 
unb 14 bi§ 16. 



®a§ neunte Kapitel ber Capita. 55 

©ittüernerjmen erhielt mar? Unb maS folt btefer ®ebanfe in 
einer ©djrift, bereu luefentticrjer Seit ben ßtoed hat, gegenüber 
ber bort aufgehellten gorberung eine gan^ anberS geartete 
Reform burcfjguführen ? 

Unb nun ift btefeS fdjeinbar frembe ©lement in ben Capita 
ntcf)t baS einige ! SSir haben ben 3nf)alt beS neunten ftapittU 
fennen gelernt unb frehen £)ter öor ber überrafd)enben Xatfadje, 
bafe berfetOe ®ebanfe, ber ^atoft folle mit einer freiwilligen 
Reform ber römifdjeit SHrdje bie für tfjn fo gefährliche SReform* 
frage aus ber SDSeft Raffen, aud) tjier mieberfehrt. 9htr bie 
SluSfürjrung beS ©ebanfenS ift eine toerfdjteberte, aber aud) nur 
beut Umfange nad). 3m öierten Kapitel tft feine Sötebergabe 
mit fünf ©ä£en erlebigt. 2)aS neunte tapitel bagegen, ein 
ungetuöfmücf) umfangreiches unb baS längfte ber ganzen ©djrift, 
entmicfelt biefen ©ebanfen in umftänbltdtjfter SBeife. Sie Oer* 
fdjiebenften ©inmürfe gegen t§n merben ttnberlegt unb ber Bor? 
fcfjlag auf alle Sßeife munbgerec£)t gemalt. Bor allem derben 
bie Bebenfen beleuchtet, meiere $aöft unb ®arbinäle megen 
Aufhebung ber 9?eferüationen unb ©röeftangett \)abm fünnen, 
unb i^nen SBinfe gegeben, mie fie einer ©djmälerung ttjrer @in= 
fünfte mit Seidtjtigfeit 311 begegnen üermögen. 

?luS allebem fct)etnt mit Sicherheit §u folgen, bafc gerabe 
tote ber le|te Seil beS öierten taöitelS, fo aud) baS neunte 
Kapitel im Gahmen ber Capita nicht originell, bafe eS üielmehr 
gleichfalls einer anberen ©djrift entnommen tft, ober bafe eS 
urfprüuglid) eine eigene ©djrift gebilbet hat unb als ©angeS 
ober als §mecfbienenber Seil gur gufammenftellung ber Capita 
benu|t mürbe. 2)er üielfach hervorgehobene ©runbgebanfe 
biefeS ©tüdeS bermag uns nun aber auch noch toeiter §u führen 
in feiner Beurteilung unb befonberS in ber grage, metchent 
Slutor unb toeldjer $eit biefe Quelle ber Capita entflammen mag. 

SfchadertS 2luffafc in ber Briegerfdjen geitfdjrift ging baüon 
aus, baf, am ©chluffe feines Briefes oon 1411 ber Äarbinal 
Don ßambrat) auf eine ausführlichere föeformfdjrift htntoetfe, 
bie uns bisher unbefannt geblieben fei: eS feien baS eben bie 
Capita agendorum, meldten ber Brief entnommen fei, um 



56 



fünftes Äapitel. 



»pro brevi memoriali« bem ^ßapfte überfanbt 511 merbcn. 
Sie Unraaln*fcrjeinlicf)feit einer folgen Kombination, roennfdpn 
fie bisher unangefochten blieb, teuftet meinet (5rad)ten!§ auf 
ben erften 23tid ein. 3 U ^ rer 2lnna£)me beburfte es§ eben be§ 
fet)ntid)en 28unfdje§, in ba<§ £)ter rjerrfcfjenbe 2)unfet Std^t t)tnem= 
autragen, ^arjrfcfjeinlid) tft e§ aber bocfj roaf)rücfj nicfjt, bafj 
ein SJiann, roie ber Karbinat üon ©ambraty, roenn er an ben 
Sßapft ein @cfa*eiben richten mollte, fid) auöfc^üefeltct) folcfjer 
SSorte bebient tjaben foll, bie er bereits in einer anberen, an 
benfelben Sßapft geridjteten ©djrtft gebraucht tjattc. Unb roaf)r- 
fct)etnlicC) ift e§> bod) gerabe fo rocnig, bafe e§> fid), rein äufjertid) 
unb rebattionelt genommen, fo ieicf)t macfjen liefe, au<§ einer 
größeren ©d)rift ein ©tücf an^ufdjneiben, meld)c3 nun, mit 
Anfang unb ©cfjtnf} üerfefjen, einen burrtjauS felbftänbigen unb 
abgerunbeten (Sinbrucf macfjt. demgegenüber fjat e» nie! mefjr 
3Baf)rfdjcinIict)feit für fid), bafe bie Capita gerabe nicfjt bie 
©cfjrift finb, auf roefcfje fid) ber ©cfjiuft be§ 5XttCtfd)en 33riefe§ 
begießt. üföotjt aber roirb man annehmen fönnen, bafe bie- 
felben ©ebanfen in bem Briefe unb in ber angebogenen 
ausführlicheren <Sct)rtft mieberferjren, unb ba mir gefefjen haben, 
bafj eine fotdje Übereinftimmung groifchcn bem Briefe 2liüi§ 
unb bem neunten Kapitel ber Capita fjerrfcrjt, fo finb melleidjt 
biefe beiben ©tüde miteinanber in SSerbtnbung ju bringen unb 
roir in bem ©d)tuffe beredjtigt, bafe im neunten Kapitel bie* 
jenige ©drrift ftedt, ober bafe e§ ein Seit berjenigen ©dfjrtft ift, 
auf roelcfje ficf) Wx begießt, unb bafj atfo aud) er ber Sßer* 
f äff er biefer ©cf)rift ift. 

Sd) mage e3 nidjt, biefen @d)Iufe mit üotler 93eftimmtt)eit 
IM gießen. 3Iber aHeS, ma§ au3 bem neunten Kapitel fetbft 
beigebracht merben fann, fpricfjt bod) bafür. ©er SSerfaffer 
ift fetbft TOglieb ber Kurie, er ift ein gran^ofe. ©r tritt 
aufS märmfte für bie Reform ein, ntdjt aber in rabifat=entfd)ie* 
bener 2Betfe, fonbern üermittelnb unb bie bittere ^iKe möglichft 
tierfüfeenb, ja er gefjt fomeit, beutlict) auf bie Hinterpförtchen 
I)inäumeifen, burd) meld)e ber ^Sapft 51t feinem üermeintlic^en 
Hted)te gelangen tonne, roennfd)on bie Reform äufeertidj burd)* 



©in Avisamentum nationis Italicae. 57 

geführt mürbe. SttHt^ ©tjarafter miberfpricf)t eine folcfje Stellung* 
narjtne burctjaug nictjt, gumat in einem Slugenbücfe, ba er gerabe 
§um ^arbinat ber römifcfjen ÄHrcfje ernannt mar. 2>enn biefes 
©tücf ber Capita ober bie tfjm §u ©rnnbe liegenbe (Scfjrift 
müfjte ämifcfjen ber Ernennung 3lilIi<o §um Äarbinnl unb ber 
Stbfenbung feinet 93rtefeö tierfafjt fein, alfo audj in ber feiten 
Hälfte be<8 SafjreS 1411. Sßetm mir aber aud) ben ©cfjlufj 
auf SttfltS ^erfönlicfjfeit fallen laffen, fo bleibt bog bocfj al3 
ficfjer befielen, bafe mit ber (Sinfügung be§ neunten ®apitel§ 
in bie Capita bie ©cfjrift eines? bem ^apfte natjeftetjenben 
fran^bfifcfjen ft'urialbeamten ober ÄarbinatS benu|t mürbe, melcfje 
ungefähr §ur f elbigen 3eit raie billig 33rief — barauf beutet 
ber öerroanbte 3nf)att — , jebenfaKS oor einer in§ einzelne 
getjenben 23ef)anbtung ber Sfoformfrage unb einer ^ufpttumg 
ber ^ßarteigegenfä^e entftanben fein mufe. 

$ür bie genauere 93eftimmung ber G£ntftet)uitg«§5ett ber 
Capita bietet biefe<§ ©rgebntö fomit feinen $ortfcf)ritt, mo£)I aber 
in Se§ug auf ba<§, mag mir üon ben Capita 511 fjalten t)aben: 
e3 ift un3 eine Seftätigung beffen, roa£ mir btgfjer feftgeftellt 
tjaben, bafe bie Capita ftcf) garniert afe bie fetbftänbige ©ctjrift 
eine§ einzelnen geben motten, fonbern bafs fie eine, mot)l 
rein-praftifct)en ^meefen bienenbe ßufammenfteüung öon ©ctjriften 
finb, bie fief) üielfact) in fet)r abmeic^enber Sßeife mit ber 9?eform= 
frage befaffen. 



©ed)fte§ Kapitel 

£ttl Avisamentum nationis Italicae. 

28ir fönnten naefj biefem Ergebnis unfere Unterfucfjung 
über bie ßufammenfetmng ber Capita, über ben Urfprung ifjrer 
Steile für gerechtfertigt, ba§ @rgebni<§ felbft für bebeutungstooH 
genug unb für genügenb gefrört fjatten, menn mir auet) jura 
<Sc£)(uf3 nicfjt noefj im ftanbe mären, bireft ben 23emei3 §u 
erbringen, baft in ber £at in ®onftan§ 3 u f antmen f* e ^ un Ö en üon 



58 



®ed)fte§ JE ajrttel. 



SReformüorfdjlagen gu retn^rnfttfdjen «Steden gemalt tuorben 
füib, u>elc£)e bei ben $erfjanblungen als SKatertal btenen füllten. 
2)enn btefer (Sebanfe an ftct) ift fo fetbftüerftänbücrj, bafe eS 
feinet SetoetfeS faum bebürfte. 

SlnbreaS üon SRegenS&urg fjat unS in feiner reichen 2lften* 
fammlung ein ©tücf unter folgenbem Xitel überliefert: Quoddam 
avisamentum nacionis Italicae. 1 ) ©ein für unferen 3roe<f 
totdjttger Seit lautet fo: 

»Infra scripta sunt, quae mihi videntur utilia et ordi- 
nanda pro utilitate omnium praelatorum de Ytalia: 

Primo quod omnes praelati praesentes, videlicet patri- 
archae et archiepiscopi, episcopi, abbates Ytaliae, in uno 
loco conveniunt simul et per eos vel eorum maiorem par- 
tem eligantur tres vel quatuor et plures et pauciores, secun- 
dum quod maiori parti videbitur, qui habeant praesentare 
universitatem praedictorum praelatorum praesencium, 
ubicuuque necesse fuerit, et respondere et congregare 
eos, quando eis videbitur. 

Item quod, facta dicta congregatione et electis prae- 
dictis, praefati electi moneant alios praelatos, quatenus 
infra certum terminum debeant in scriptis redigere ea, 
quae videntur eis utilia tractanda et ordinanda tarn in 
concilio quam extra pro utilitate et reformatione tarn 
universalis ecclesiae quam ecclesiarum eis commissarum, 
et illa sie in scriptis redacta dare eis infra dictum ter- 
minum. 

Item quod praefati electi, elapso dicto termino, tarn 
ex omnibus sibi datis in scriptis per praefatos praelatos 
quam ex hys, quae dixi, in scriptis redegerint et super 
scriptis causis faciant capitula. Et, illis capitulis factis, 
debeant universitatem supradictam convocare et ei prae- 
fata capitula legere et ostendere. 



l ) Codex Vindob. 3296 fol. 102 V U nb Codex Memmingensis 
I, 511. 



©in Avisamentum nationis Italicae. 59 

- Item quod praefatae 1 ) universitatis praelati secundum 
deum et iusticiain debeant praefata capitula diligenter 
examinare et illa, quae erant iusta et honesta, approbare 
et alia repudiare. Et illa, quae approbantur per duas 
partes tocius universitatis et statuentur, debent eciam 
approbari per reliquam terciam partem et statui. 

Item quod omnia capitula sie approbata debent sub- 
scribi per omnes praelatos ipsius universitatis manibus 
propriis ita, quod possint postea praesentari in concilio 
et extra, ubi cumque fuerit necesse, tamquam approbata 
et auetorizata per totam universitatem praedictam. 

Item quod dictis capitulis sie factis et approbatis 
quilibet praelatus ipsius universitatis iuret in manibus 
praedictorum electorum non contravenire verbo vel 
facto, similiter nemini pandere aliqua, quae dicantur vel 
agantur in dicta universitate.« 

ÜJton fterjt, mir fjaben rjier einen Sorfcfjlag öor un3, 
tt>elcf)er fidj auf bte Drgantfation ber ttalienifcfjen Nation begießt 
unb ber im befonberen ben Serfud) macfjt, für bie $ef)anbhntg 
ber Neformfrage, foroett bte Nation in grage fommt, eine fefte 
Norm aufstellen: Wt auf bem ton^l anroefenben teeren 
©eifttterjen itatienifcfjer Nationalität follen einen fefcfjufj oon 
bret ober bier TOgltebern au<§ ttjrer TOte toärjlen, melier bte 
©efamtrjett ber Nation p repräsentieren t)at. tiefer Slugfcrjufj 
foll bann bte üörtgen italienifcfjen Prälaten aufforbern, big 511 einem 
befttmmten ßettpunft tfjre Neformttnmfd)e Be§ügltc^ ber ttrcfje 
p Rapier %u bringen unb bem fefcrjuffe etnpreicfjen. $tefe 
beitrage foll ber STugfctjufe famt bem bereite gelieferten Seitrage 
be§ 2lntragfteller3 felbft p einem ©cfjriftftücf bereinigen unb 
Stbar in gorm oon einzelnen Capitula, b. f). alfo bon facfjticf) 
umgrenzen Sl&fdjnttten, roeld^e bann ber ©efarnttjett ber Nation 
Sur Sefcfjtufcfaffung borgelegt tuerben. Sei ber Slbftimmung 
entfetjeibet ^metbrittel^ajorität. Me auf biefe SSeife junt 
Sefcfjlufj erhobenen Capitula muffen Don allen Prälaten ber 

J ) 2)ie &anbfcf)riften fjaben praefati. 



60 



©elftes ffapitel. 



Nation etgentjänbtg unterzeichnet »erben, um nachher bem Konzil 
gegenüber als folibarifch-binbenber SSefcEjtujs ber Station p gelten. 

gtnfe £)at mit guten ®rünben bie @ntftef)ung btefeg (Snt- 
raurfeS für ben Hftonat gebruar be§ Sahre3 1415, genauer für 
ben Seginn feiner groeiten ^pälfte, angefeüt. Sßir fat)en oben 
(@. 45), bajs man aucf) in ber $erfafferfrage ftcf) nicf)t oöllig 
§u befcfjetben, fonbern üermutltdj afe ben Urheber be3 intereffanten 
@tücfe§ ben (Srj&tfdjof SßtteuS ÜWartni üon ®enua gu betrachten 
hat. 35a§ SSicfjtige an biefem (Snttuurfe ift aber für un<§, baft 
in if)m genau eine ^ufammenfteEung öon üleformmünfctjen 
angeregt rairb, tt)ie nur fie in unferen Capita agendorum 
befi|en. Sie flehte $erfd)iebent)eit ber SluSbrücfe Capitula 
unb Capita fann titcf)t gegen biefe Kombination fprecfjen, ba 
beibe im ©inne oon „Slbfchnitt", „Paragraph", „Kapitel" 
promiscue gebraucht »erben unb bei mittelalterlicher 5lb= 
furgungSroeife ber eine öom anberen faum §u unterfcfjeiben tft, 
fo bafe beibe geroife oieffacf) oertaufcfjt »orben finb 1 ), gumal 
beim fpäteren 2lbfcf)reiben. 

@inb aber nun etroa unfere Capita agendorum infolge 
ber Anregung entftanben, ttelcf)e biefe§ 9loifament gab? 2)iefe 
$rage tft ju Oerneinen, in einem fo engen Sßerljältnte ftetjen 
beibe ©djrtftftücfe ntd)t gueinanber. S)ie Italiener tyabtn auch 
ifjrerfeitS SBerfammlungen ihrer Nation üeranftaltet, nadjbem 
bie ©nglänber, bie ®eittfcf)en unb enblich aucf) bie $rangofen 
f)iergu übergegangen tuaren. Unfer lüifament totrb hierzu ben 
Slnftojj gegeben fyaben. SSie nun ber SSerfaffer be£felben mit 
feinem Drganifation§oorfc£)lage ficfj auf baö Seifpiel ber anberen 
Nationen berufen fonnte, fo »irb er auch fpegiell bei feinem 
Anträge, bie Üieformmünfche ber italienifchen Prälaten gu fam= 
mein, ein entfprecfjenbeiS Vorgehen ber anberen Nationen ober 
einer Oon itjnen im 2luge gehabt h^en. Unb ba erfcheiut e§ 
nicht unmöglich, bafj unfere Capita ab§ eine in Anregung ge= 



*) Capitula = capita ober capta. ©in SBeityiel hierfür ift mir 
aflerbing§ nicfjt jur §anb. SSgl. Cappelli, lexicon abbreviaturarum 1901, 
©. 40. 



(Sin Avisamentum nationis Italicae. 



61 



brachte ober fcrjon oortjanbene ©ammlung ber fran$öfifdjeit 
^eformmünfcfje tiefe VermitttmtgSroile gefpiett fmben. 2)te 
Vorarbeiten, au3 benen fie, tote mir faf)en, jufammcngcfe^t finb, 
finb big auf eine einige frangöftfdjen UrfprungeS. 3)iefe aber, 
nämlicfj bie Informationen be<§ @rä6tfdjofS oon ®enua, tft autf) 
nict)t, mie bie anberen Duetten, mörtticfj benu$t; e£ finb nur 
einzelne ©ebanfen au£ if)r entlehnt unb §mar unter Slnpaffung 
an bie $orm ber Capita. 2)ie übrigen, genau nadj ein unb 
berfelben äftettjobe benutzten Vorarbeiten, »eifert mit ttjrem 
Urfprung au§naf)m3toj§ auf bie frangöfifctje Nation f)tn. Slud) 
menn man baS neunte Kapitel ntdjt für bie ©djrtft galten 
mitt, auf roeltfje ficf) Sltttt in feinem Briefe begießt, foridjt ein 
in trän enthaltener £>inmei§ auf frangöfifct)e ßuftänbe bafür, 
baf$ aucf) biefe3 ©tücf einen gran^ofen jum Urheber t)at. 5ltfo 
bürfen mir rurjig behaupten, bafe mir in ben Capita eine 
(Sammlung oon SReformtofintdjen Oor un<§ tjaben, meiere bem 
Greife ber fran^öfiferjen Nation entftammt unb roetetje einen 
analogen gmeef fjatte, mie bie in jenem italienifct)en 5lüifament 
in Anregung gebrachte (Sammlung. 9?icf)t at§ eine $riüat= 
arbeit, fonbern aU ein offizielles Slftenftücf auS ben Reform* 
Oerljanbhtngen ber frangöfifc§en Nation finb bie Capita an= 
§ufet)en. 

gür biefe Sluffaffung f priest aber nicfjt blofe jene Slnregung ^u 
einer analogen (Sammlung in ber italierrifctjert Nation unb jene 
fd)übIonent)afte Venutjung ber oerfcfjiebenen Vorarbeiten. (Sine 
gange 9fJei£)e Oon ©teilen, metc^e nicfjt biefen Vorarbeiten ent= 
ftammen, fonbern oon bem 9?ebaftor ber Capita rjerrütjren müffen, 
beutet auf baSfelbe $iel bin. @§ finb ba§ Vemerfungen, melcrje 
in ganz eigentümlicher SSeife ©inmürfe ober Ergänzungen an 
ba3 Vortjergetjenbe anfügen, mie: aliis videtur 1 ), aliis videtur 
melius 2 ), dicunt etiarn 3 ), dicunt aliqui 4 ), et hoc casu 



*) Cap. 10, wo ftatt alias — aliis 31: lefen tft. 
2 ) Cap. 9. 
s ) Cap. 7. 
«) Cap 7. 



62 



©edjfteS Sapittl 



videtur aliquibus. 1 ) ©feinen fd^on btefe ^Beübungen mitten 
dvS ben Sßerf)cmblungen herau^uftammen, fo töirb jeber ^weifet 
baran gehoben, bap bie Capita al3 ein foldjeS Slftenftücf an§u= 
fe^en finb, burd) fo unmittelbar gefafete 9(u3brüde mie: »sta- 
tuendum, inquam, est« 2 ) unb »item fuit hactenus in dis- 
putatione versaturru. 3 ) 9Iud£> ein eigenartiger @a| be3 fünf»* 
geinten ÄapitelS, metcfjer mitten §n»ifcf)en gtöet, ben Avisata ent* 
nommenen ©teilen ftet)t unb eine mobifi^ierenbe Mitteilung 
§um 9Sor^ergef)enben enthält, mag folgen 9Ser£)anbIungen feinen 
Urfprung Oerbanfen. 4 ) 

SDocf) bamit finb mir nod) nid)t $u (Snbe mit ber 9Kuf* 
gät)Iung ber £atfad)en, meld)e bie für unfere S3et)auptung bei* 
gebrauten §auptgrünbe afö Seroeife feiten ober britten langes 
§u ftüfcen im ftanbe finb. 

(Gemiffe ©igentümttcfjfetten ber Capita, meldje ber $om= 
binatiomSgabe unb faft ber Sßtjantafic ber $orfd)er giemtic^ 
fdjttuertge Slufgaben fteüten, oor allem faum 5U Oerftefjenbe 
2öiebert)oIungen unb SBiberfprüdje, erftären fid) je|t auf bie 
einfache SSeife. ©ie rühren entmeber Don ber 5Ibficf)t her, 
bem gmede ber «Sammlung entfpredjenb rect)t üielfeitigeS Material 
§u ben einzelnen SReformfragen beizubringen, ober fie finb al& 
9lieberfc£)Iäge ber Sßerhanbutngen , al§ (Gegenanträge ober 
?hnenbement3 in ba§ (Gange f)ineingefommen. 5 ) ©ofd)e fadjlidje 
Unebenheiten in SSerbinbung mit fcfjeinbar fid) mibcrfprecfjenben 
3eitbeftimmungen gaben fogar ben 9lnlaft bagu, eine jjroetmaüge 
9Jebaftion ber ©djrift anzunehmen unb fo aus? ben ©djroierig= 
feiten einen ?lu8roeg 511 mä£)len, ber bod) immer feine 23e= 
benfen ^at unb nur im äufjerften Notfälle begangen werben 
foüte. ?llle fold)e mehr ober roeniger gegmungenen Kombinationen 



Cap. 4. 
3 ) Cap. 4. 

3 ) Cap. 4. 

4 ) Fuit facta in urbe anno tertio Domini nostri Johannis con- 
Btitutio poenalis opportuna, quam debet habere dominus Pisanus. 

6 ) ©in flafftfd^eS 93eifpiel fixerfür bietet ba§ 4. Kapitel, fomett eä 
rtia)t mit 2liflt§ 33rief übeteinftimmt. 



(Sin Avisamentum nationis Italicae. 63 

ober fjalb untoaljrfdjetnlidje £ilf§betoeife fallen bei unferer 2te 
mei<§füf)rung fort, roärjrenb fie bei ^fctjacfert unb ginfe eine 
grofce 3iolIe fpielen. .Spieren rechnen mir üor allem aurf) bie 
Slnnarjme, ber Karbinat üon (Sambraü, fjabe $apft Sorjann XXIII. 
baburd) an eine frütjer oon it)m oerfa^te Sffeformfcrjrift erinnert, 
bafj er ein ©tücf au3 berfelben t)erau3fcrjnitt unb e3, mit topf 
unb @nbe üerfetjen, bem $apft in gorm eines S3rtefeS aufs 
neue unterbreitete ! Unb babei tonnte bie größere ©cfjrift nur 
menige Monate Oor bem Briefe üerfaftt fein! 2)agu gehören 
aber aucfj bie ©djlüffe, meiere Sfcfjacfert au3 bem infjaltüdjen 
SSergletd) ber Capita mit ältieifelloä 3liüifc§en ©djriften §tet)en 
gu fönnen glaubt, im befonberen mit feiner ^eformfcrjrift üom 
1. 9?oüember 1416. 

(Sinen großen formellen Unterfdtjteb ^mifc^en beiben ©crjriften 
fucfjt Xfcfjadert oon oornrjerein nicfjt ju leugnen. 21ber er 
finbet e§ natürlich, bafc eine fpätere @cf)rift üoüenbeter in ber 
$orm ift als eine frühere, unb fo tjat nad) i£)m 2Mi im üoKen 
SSenmfctfem bie $orm geänbert, inbem er an bie ©teile einer 
lofen 5lneinanberreirjung felbftänbiger D^eformfä^e „eine ben 
praf tifcfjen Sebürfniffen gan§ entfprecrjenbe £>i£pofition' ;1 ) fe|te. 
2lud) inrjaltlicfje Unterfctjiebe gibt er %u, manche $orberungen 
feien in ber fpäteren ©cfjrift etnfaef) gurüdgenommen ober ge- 
änbert, anbere hingegen bei roeitem intjatt^reic^er unb f tarer 
au£gefüfjrt. Stile biefe llnterfcrjiebe erfdjeinen u)m aber nid)t 
ftarf genug, um einen groeifel an OTi3 Slutorfcrjaft gu begrünben, 
gumal eine gange 9?eit)e üon 33e§iet)ungen eine narje SBermanbt- 
fdjaft jjttnfdjen beiben ©dnüften betoeifen foll. 

STfcfjadert tjat biefem SSergleicrje mit Sfodjt nur eine neben* 
fäcf)ttc£)e SSebeutung beigelegt. ÜJhtr §um ©djluffe feiner %\x§>- 
einanberfeijung mottle er bamit eine ^robe auf bie Sltdjttgfett 
tfjre^ ©rgebniffeö maetjen. Un3 erfdjeinen aber auef) fo, in 
biefer fefunbären (Stellung, feine Kombinationen nod) gemagt 
genug. 2)a£ gilt junäcfjft üon beftimmten ®ebanfen unb 
SBenbungen, bie, roeil fie auefj fonft bei Slitli üorfommen, feine 



l ) $eitfdjrift für Ätrdjengefdjtdjte, ©. 460. 
Siftortfcfje »ibliottjel. XV. 5 



64 



©elftes Äatrttel. 



Ur£)e6erfd£)aft bemeifen foEen; ba3 gilt aber üor allem öon ber 
Beurteilung ber $erfd)tebenl)ett ber $orm, in nietcf)er bie 
Capita unb bie «Schrift öon 1416 gefcfnieben [inb. 

ßunächft [inb überhaupt brei ©ebanfen ober 5luffaffungen, 
lüeldje XfcEjacfert felbft für charafteriftifct)e SJcerfmate ber Capita 
erflärt, in ber 9teformation3fcf)rift ntcfjt anzutreffen: ®a§ 
otigarc^tfcfje ®arbinal3intereffe, ber perfönlict)e Freimut unb ber 
§ä£)e Äonferöati§mu!§ in (Stetbfadjen. %fcf)acfert Ijilft fiel), inbem 
er fie anbertoärt<§ in SKtüfdjen Schriften nadjtoeift. £)ann ftnb 
gemiffe Säuberungen ber Geformt) orfcfjläge ntcljt zu überfeinen. 
Xfcfjacfert meint, fie feien nirgenbS prinzipieller Dxatur. ©nbttet) 
laffe bie Schrift De reformatione bie Capita buref) t£)re 9teic£)' 
tjaltigfett an Üteformoorfch lägen tjtnter fiel) §urüd. 2tudj ba§ 
erfcfjeint Xfctjacfert bei einer fpa'teren Schrift ptaufibel. 

Se leichter er nun biefe Unterfcfjiebe nimmt, um fo mehr 
betont er bie $äEe, in meieren bie beiben ©ctjriften $fjnltdj* 
feiten im s #u3brucf aufmeifen. 2)iefe $ljntidjfetten finb nun 
aber in feinem ber angeführten $äEe berartig, bafj fie an fiel) 
betoetefräftig mären, mic eine folcfje Söetoetefüfjrung immer it)re $8^ 
benfen tjat, ba ja aud) bie größte $fynlidjfett immer noch auf 
anbere Söetfe entftanben fein fann. 9Jcufj aber ba<§ auch in unferem 
$aEe zugegeben werben, bann geniinnen bie angeführten Untere 
fctjiebe an Bebeutung. 9^ur auf einen üon ihnen möchte 
ich Q oer mit ^ac^bruef Oernieifen, ba3 ift : bie Anbetung in ber 
$orm. Xfcfjacfert ^ä(t bie ber 9ieformation§fc£)rift für einen 
gortfcrjritt, ba fie eine ben praftiftfjen Söebürfntffen entfprec£)enbe 
©tÄpofition enthalte. @§ ift richtig, bafe, une bie gange «Schrift 
in ber gorm ooEenbeter ift, auch ihre Xeile fchärfer bigponiert 
finb. Db aber bamit benfelben praftifchen 23ebürfniffen ent= 
f prochen merben follte, benen bie Capita bienen foEten, bas§ 
ift oon £fc£)acfert gar nicht berührt, gefcfjuieige beim beriefen 
morben. 

2lEe an biefe Unterfchiebe unb ^I£>nlt(i){etteri gefnüpften 
Scf)tüffe finb alfo recht fabenfcJjemtg unb für bie eigentliche 
S3etoei»führung mertlo§. Um fo beffer für un<§, menu mir für 
unfere Unterfncfmng auf fie üerzichten fönnen! 2)er %ukfyt 



(Sin Avisamentum nationis Italicae. 



65 



berührte $ßuntt J)at aber gerate für mx§> nocfj eine gemiffe 93e= 
meiöfraft. 

S)ie $orm ber Aillifdjen 9?eformation3fcfjrift üon 1416 f)at 
an ficfj nic^tö Auffallenbeä, fte gerjt mit i£)ren SSorfcfjIägen 
ftreng logifcf) üor üom Allgemeinen auf ba3 93efonbere unb 
oon oben nadj unten; ba<§felbe SBerfafjren beobachtet 53. audj 
(£r§btfcf)of ^ileu3 in feinen Informationen, dagegen ift bie 
in ben Capita üorrjerrfcfjenbe gorm ber furzen ©ät$e unb ber 
fetbftänbigen SSorfcfjtäge ftetS 6efonberS beachtet roorben. ($erabe 
fte fdjetnt boct) für bie Sltdjttgfett unfereä (SrgebniffeiS ju füredjen, 
benn gerabe für üraftifcfje Sßertjanblung^mecfe müffen btefe 
fitrgen @ä|e gebilbet morben fein unb bie füäter eingefügten 
(Srgebniffe folcrjer SSerfjanblungen treten un8 in einer großen 
3at)I cfjarafterifttfdt) eingeführter @ä$djen entgegen. 3m biefem 
@inne mürbe alfo ntc£)t bie 9foformation<§fcf)rift üon 1416 ben 
praftifdjen Sebürfniffen merjr entfürecfjen, fonbern im ® egenteil 
bie Capita, nicfjt jene, bie üraftifcfj gebaut fein mag, a6er 
immerhin bte literarifcfje Arbeit eineg einzelnen ift, fonbern 
btefe, rcetcfje einer SBerroenbung in ber $ßrarji§ felbft bienen 
fotlte unb roorjl aucrj gebient tjat ober gar al§ ein Sftieberfcfjlag 
berfelben anguferjen ift. Raffen mir bie Capita fo auf, bann 
erklären ficfj audj tfjre üielfacfjen, oft mörtlicfjen Überem- 
ftintmungen mit ben übrigen auf uns gekommenen ^onftan^er 
Aftenftücfen auf bie natürliche Söeife, mätjrenb fte, at§ bte 
Arbeit eines einzelnen angeferjen, gerabe megen be3 baburcf) 
bemiefenen übermiegenben (Sinftuffe^ biefe3 einzelnen auf bie 
S3efdt)tüffe oon ®onftan$ bie Sßerrjanbtungen bort, entgegen ber 
rjiftorifdjen 2öat)rf)eit, biet wenig fdjtotertg erfdjeinen laffen. 



5* 



Verlag von R. Oldenbourg in München und Berlin. 



Historische Bibliothek. 

Herausgegeben 
von der Redaktion der Historischen Zeitschrift. 



Bis Mitte 1903 sind erschienen: 

Band I: Heinrich von Treitschkes Lehr» und Wanderlahre 1834—1867. Erzählt von 
Theodor Schiemann. XII und 291 Seiten. 8°. 2. Auflage. In Lein- 
wand gebunden Preis Mk. 5. — . 

Band II: Briefe Samuel Pufendorfs an Christian Thomasius (1687— 1693). Heraus- 
gegeben und erklärt von Emil Gigas. 78 Seiten. 8°. In Leinw. geb 
Preis Mk.2.— . 

Band III: Heinrich uon Sybel, Vorträge und Abhandlungen. Mit einer biographischen 
Einleitung von Professor Dr. Varren trapp. 378 Seiten. 8°. In Lein- 
wand gebunden Preis Mk. 7.—. 

Band IV : Die Fortschritte der Diplomatik seit ITlabillon vornehmlich in Deutschland» 
Österreich von Richard Eosenmund. X und 125 Seiten. 8°. In Lein- 
wand gebunden Preis Mk. 3. — . 

Band V: ITlargareta uon Parma, Statthalterin der Iliederlande (1559 bis 1567). 
Von Felix Rachfahl. VIII u. 276 Seiten. In Leinwand geb. Preis 
Mk. 5.—. 

Band VI: Studien zur Entwicklung und theoretischen Begründung der ITlonarchie im 
Altertum. Von Julius Kaerst. 109 Seiten. 8°. In Leinwand geb. 
Preis Mk. 3.— . 

Band VII: Die Berliner ülärztage von 1848 von Professor Dr. W. Busch. 
74 Seiten. 8°. In Leinwand gebunden Preis Mk. 2. — . 

Band VIII: Sokrates und sein Volk. Ein Beitrag zur Geschichte der Lehrfreiheit. 
Von Dr. Robert Pöhlmann. VI und 133 Seiten. 8°. In Leinwand ge- 
bunden Preis Mk. 3.50. 

Band IX: Hans Karl von Winterfeldt. Ein General Friedrichs des Grofsen. 
Von Ludwig Mollow. XI u. 263 Seiten. 8°. In Leinwand geb. Preis 
Mk. 5.—. 

Band X: Die Kolonialpolitik riapoleons I. Von Gustav Roloff. XIV und 

258 Seiten. 8°. In Leinwand gebunden Preis Mk. 5. — . 
Band XI: Territorium und Stadt. Aufsätze zur deutschen Verfassungs-, Ver- 

waltungs- und Wirtschaftsgeschichte. Von Georg von Below. XXI 

und 342 Seiten. 8°. In Leinwand geb. Preis Mk. 7.— . 
Band XII: Zauberwahn, Inquisition und Hexenprozesse im ITlittelalter und die Eni» 

stehung der grossen ßexenperfolgung. Von Joseph Hansen. XVI und 

538 Seiten. 8°. In Leinwand geb. Preis Mk. 10. — . 
Band XIII: Die Anfänge des Humanismus in Ingolstadt. Eine literarische Studie 

zur deutschen Universitätsgeschichte. Von Prof. Gust. Bauch. XIII 

und 115 Seiten. 8°. In Leinwand gebunden Preis Mk. 3.50. 
Band XIV : Studien zur Vorgeschichte der Reformation. Aus schlesischen Quellen. 

Von Dr. Arnold O. Meyer. XIV und 170 Seiten. 8°. In Leinwand 

gebunden Preis Mk. 4.50. 
Band XV : Die Sapiia agendorum. Ein kritischer Beitrag zur Geschichte der 

Reformverhandlungen in Konstanz. Von Dr. Karl Kehrmann. 

67 Seiten. 8°. In Leinwand gebunden Preis Mk. 2. — . 



Verlagsbuchhandlung R.Oldenbourg, München und Berlin W. 10. 



Handbuch 

der 

mittelalterlichen lä neueren Geschichte. 

Herausgegeben 
von 

G. v. Below und F. Meinecke 

Professor an der Universität Tübingen. Professor an der Universität Strafsburg. 



Das Zeitalter der encyklopädischen Darstellungen ist in der Wissenschaft 
durch ein Zeitalter der Spezialisierung der Arbeit abgelöst worden. Allein 
gerade die zunehmende Spezialisierung hat wiederum das Bedürfnis ency- 
klopädischer Zusammenfassung hervorgerufen. In keiner Disziplin wird dies 
Bedürfnis augenblicklich weniger befriedigt als in der mittelalterlichen und 
neueren Geschichte. Während auf den Nachbargebieten der Rechts- und Kirchen- 
geschichte, der Philologie etc. eine Tradition in der summarischen Zusammen- 
fassung des jeweiligen Forschungsstandes auch in dem Zeitalter der induktiven 
Spezialforschung lebendig geblieben ist und jeder neue Versuch encyklopä- 
discher Darstellung den Weg schon gebahnt findet, ist auf dem Gebiete der 
allgemeinen mittelalterlichen und neueren Geschichte diese Tradition unter- 
brochen worden ; die wenigen Versuche, die gewagt wurden, rühren meist 
von Autoren her, die nicht selbst auf der Höhe der Forschungsarbeit standen. 
Die Gründe für diese Erscheinung rliefsen nicht notwendig aus dem Wesen 
unserer Wissenschaft, sondern waren historisch bedingt durch den eigenartigen 
Gang ihrer Entwicklung im 19. Jahrhundert. Wir haben sie hier nicht dar- 
zulegen, sondern nur das lebhafte Bedürfnis nach encyklopädischen Hilfs- 
mitteln festzustellen, das heute nicht nur der angehende Jünger unserer 
"Wissenschaft, sondern jeder Forscher auf dem Gebiete der mittelalterlichen 
und neueren Geschichte empfindet, wenn er den Blick von seinem engeren 
Arbeitsfelde auf die weiteren Zusammenhänge seiner Studien richtet, wenn 
er sich auch nur auf einem Nachbargebiete schnell orientieren will. Die besseren 
populären Darstellungen, die wir von einzelnen Gebieten besitzen, genügen 
diesem Bedürfnisse nicht, weil ihnen entweder der wissenschaftliche Apparat 
fehlt, oder weil sie schon übergehen in das Gebiet der eigentlichen Geschicht- 
schreibung und darum den praktischen Gesichtspunkt vernachlässigen müssen. 

Diese Lücke wollen die Herausgeber auszufüllen suchen. Das Ziel ihres 
Unternehmens soll eine streng wissenschaftliche, aber zusammenfassende und 
übersichtliche Darstellung sein. Es soll die Tatsachen und die Zusammen- 
hänge der geschichtlichen Entwickelung vorführen, zugleich jedoch auch ein 
anschauliches Bild des dermaligen Standes der Forschung in den einzelnen 
Zweigen unserer Wissenschaft bieten, beides in knappster Form. Es will den 
wissenschaftlich ausgebildeten Historikern, wie den Studierenden und über- 
haupt allen Freunden der mittelalterlichen und neueren Geschichte dienen. 



Dies Programm ist nicht der Ort, die Frage zu lösen, wie die Aufgabe 
des Historikers im allgemeinen zu bestimmen sei, die Grenzen der Geschichts- 
wissenschaft zu ziehen. Naturgemäfs können bei einem Unternehmen, wie 
es die Herausgeber planen, die entscheidenden Gesichtspunkte für die Ab- 
grenzung der zu berücksichtigenden Gebiete nur die praktischen sein. Die 
Herausgeber sind ihnen gefolgt mit dem Bestreben, den Rahmen tunlichst 
weit zu spannen. Sie haben zunächst und vor allem Bearbeitungen derjenigen 
Wissenszweige in den Plan des Unternehmens aufgenommen, die das beruf s- 
mäfsige Arbeitsfeld des heutigen Historikers — Historiker im empirischen 
Sinne — bilden. Den Bearbeitern ist es zur Pflicht gemacht worden, den 
grofsen Zusammenhang, in dem die einzelnen historischen Studien stehen, 
im Auge zu behalten. Sodann sind einige Nachbargebiete in den Plan hinein- 
gezogen, soweit es an geeigneten Hilfsmitteln für dieselben bisher mangelt. 
Das Nähere ergibt die beigefügte .Inhaltsübersicht. Es führt in grofsem Drucke 
diejenigen Darstellungen auf, deren Bearbeitung bereits in festen Händen 
liegt, in kleinem Drucke diejenigen, für die die Verhandlungen noch nicht 
ganz abgeschlossen sind. Die Herausgeber haben den Grundsatz, lieber einst- 
weilen eine Lücke zu lassen, falls sich nicht sogleich eine geeignete Kraft 
gewinnen läfst. Einzelne Erweiterungen des Planes können mit der Zeit 
vielleicht noch erfolgen. 

Die Herausgeber glauben von vornherein eine Gewähr für das Gelingen 
ihres Unternehmens zu besitzen, indem sie sich in der allgemeinen Form 
der encyklopädischen Darstellung einer anderen Disziplin anschliefsen, die 
sich bereits bewährt hat, nämlich Iwan v. Müllers Handbuch der klassischen 
Altertuniswissenschaft, welches ja ebenfalls den Zweck der übersichtlichen 
Darstellung mit dem des Nachweises über die gelehrten Hilfsmittel verbindet. 

Freilich stimmen beide Unternehmungen nicht vollständig überein. 
Vor allem ist ein Unterschied dadurch gegeben, dafs I. v. Müllers Handbuch 
das Ganze der Kultur des Altertums zur Anschauung bringt, während wir, 
wie schon bemerkt, aus praktischen Gründen einen engeren Rahmen ziehen. 
Damit hängt es zusammen, dafs in unserm Unternehmen die philologischen 
und literarischen Fragen zurücktreten. Eine andere Abweichung hat ihren 
Grund in dem unvergleichlich umfangreicheren Quellenmaterial, das für die 
mittelalterliche und neuere Geschichte vorliegt. Dies wird öfters dazu nötigen, 
die Zitate aus den Quellen sparsamer zu bemessen, als es sich in einer ency- 
klopädischen Darstellung der klassischen Altertumswissenschaft empfiehlt. 

Unser Unternehmen schliefst sich, wenn der besondere Gegenstand 
keine Abweichungen rätlich macht, auch in der äufseren Einrichtuug an 
I. v. Müllers Handbuch an. Es übernimmt von ihm also die durchgehende 
Einteilung der einzelnen Darstellungen in kurze Paragraphen und die Unter- 
scheidung in dem Gebrauch des grofsen und kleinen Druckes. In kleinem 
Druck wird den Paragraphen, bezw. Unterabteilungen der Paragraphen der 
Überblick über die betreffende Literatur nachgestellt. Hiermit können kurze 
literarhistorische Notizen verbunden werden. Sonst werden spezielle Belege 
und Ergänzungen zur Darstellung in den Anmerkungen unterhalb des Textes 
gegeben. 

Jeder Teil ist, ebenso wie in I. v. Müllers Handbuch, mit einem alpha- 
betischen Sachregister versehen. 

Auf Grund der Erfahrungen, die die historischen Studien an die Hand 
geben, wird in den Darstellungen des Zuständlichen auf Anführung und 
Erklärung (nicht sowohl etymologische, als vielmehr sachliche") der wichtigeren 
technischen Ausdrücke besonderes Gewicht gelegt Hierdurch werden die 
Register erhöhte Bedeutung erlangen. 

Unser Unternehmen soll von vornherein in der Weise eingerichtet 
werden, dafs jeder Teil, gleichviel wie stark seine Bogenzahl ist, einzeln 
ausgegeben wird. 



Übersicht über den Inhalt. 



(Die klein gedruckteu Titel bezeichnen die Bände, über die die Verhandlungen noch nicht 

abgeschlossen sind.) 



I. Allgemeines. 

Encyklopädie. 

Geschichte der deutschen Geschicht- 
schreihung im Mittelalter. Von 
Prof. Dr. Hermann Bloch. 

Geschichte der neueren Historio- 
graphie. Von Prof. Dr. Richard 
Fester. 

Politik auf historischer Grundlage. 

Die mittelalterliche Weltanschauung. 
Von Prof. Dr. Clemens Baeumker. 

Die Weltanschauung der Renaissance 
und der Reformation. Von Privat- 
dozent Dr. Walter Goetz. 

Geschichte der Aufklärungsbewegung. 
Von Prof. Dr. E. Troeltsch. 

Die geistigen Bewegungen des 19. Jahr- 
hunderts. 

II. Politische Geschichte. 

Allgemeine Geschichte der germani- 
schen Völker bis zum Auftreten 
Chlodwigs. Von Prof. Dr. Ernst 

K O RN EM ANN. 

Allgemeine Geschichte vom Auftreten 
Chlodwigs (mit Rückblick auf die 
ältere Geschichte der Franken) bis 
zum Vertrag von Verdun. Von 
Privatdozent Dr. Albert Werming- 
hoff. 

Allgemeine Geschichte des Mittelalters 
von der Mitte des 9. bis zum Ende 
des 12. Jahrhunderts. Von Prof. 
Dr. H. Bresslatj. 

Allgemeine Geschichte des späteren 
Mittelalters vom Ende des 12. bis 
zum Ende des 15. Jahrhunderts 
(1197—1492). Von Prof. Dr. Johann 

Lo SEETH. 

Allgemeine Geschichte von 1492 bis 
1648. Von Prof. Dr. Felix Rach- 
fahl. 

Geschichte des europäischen Staaten- 
systems von 1648 bis 1789. Von 
Privatdozent Dr. Max Immich. 

Geschichte des Zeitalters der fran- 
zösischen Revolution und der Be- 
freiungskriege. Von Privatdozent 
Dr. Adalbert Wahl. 

Geschichte des neueren Staaten- 
systems vom Wiener Kongrefs bis 



zur Gegenwart. Von Prof. Dr. 
Erich Brandenburg. 
Brandenburgisch-preufsische < ieschichte. 

III. Verfassung, Recht, Wirtschaft. 

Deutsche Verfassungsgeschichte (bis 
zur Mitte des 13. Jahrhunderts). 
Von Prof. Dr. Gerhard Seeliger. 

Deutsche Verfassungsgeschichte von 
der Mitte des 13. Jahrhunderts bis 
zur Erhebung der absoluten Mo- 
narchie. Von Prof. Dr. G. v. Below. 

Deutsche Verfassungs- und Verwal- 
tungsgeschichte seit der Erhebung 
der absoluten Monarchie Von 
Prof. Dr. Heinrich Geefcken. 

Französische Verfassungsgeschichte 
von der Mitte des 9. Jahrhunderts 
bis zum Ausbruch der Revolution. 
Von Privatdozent Dr. Robert 
Holtzmann. 

Englische Verfassungsgeschichte. 

Grundzüge der Geschichte der katholischen 
und evangelischen Kirchenverfassung. 

Das abendländische Kriegswesen vom 
6. bis zum 15. Jahrhundert. Von 
Prof. Dr. Wilhelm Erben. 

Geschichte der neueren Heeresver- 
fassungen vom 16. Jahrhundert 
ab. Von Privatdozent Dr. Gustav 
Roloff. 

Geschichte des deutschen Strafrechts. 
Von Prof. Dr. R. His. 

Geschichte des Straf- und Zivilpro- 
zesses. Von Prof. Dr. jur. Kurt 
Burchard. 

Geschichte des deutschen Privat- und 
Lehenrechtes. Von Prof. Dr. Hans 
v. Voltelini. 

Deutsche Wirtschaftsgeschichte bis 
zum 17. Jahrhundert. Von Prof. 
Dr. G. v. Below. 

AllgemeineWirtschaftsgeschichte vomlT.Jahr- 
hundert bis zur Gegenwart. 

Handelsgeschichte der romanischen 
Völker des Mittelmeergebiets bis 
zum Ende der Kreuzzüge. Von 
Prof. Adolf Schaube. 

Münzkunde und Geldgeschichte. Von 
Prof. Dr. Arnold Luschin v. Eben- 
greuth . 



IV. Hilfswissenschaften und Alter- 
tümer. 

Diplomatik. Von Prof. Dr. W. Erben, 
O. Redlich u. M. Tangl. 

Paläographie. Von Prof. Dr. Michael 
Tangl. 

Chronologie des Mittelalters und der 
Neuzeit. Von Prof. Dr. Michael 
Tangl. 

Heraldik und Sphragistik. 



Archiv- und Aktenkunde. 

Historische Geographie. Von Privat- 
dozent Dr. Konrad Kretschmer. 

Grundzüge der mittelalterlichen Latinität. 

Deutsche Altertumskunde. 

Das häusliche Leben der europäischen 
Kulturvölker vom Mittelalter bis 
zur zweiten Hälfte des 18. Jahr- 
hunderts. Von Prof. Dr. Alwin 
Schultz. 



Erschienen ist soeben : 

Das häusliche Leben 

der 

europäischen Kulturvölker. 

vorn 

Mittelalter 

bis zur 

zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. 

Von 

Dh ALWIN SCHULTZ, 

Professor an der deutsehen Universität zu Prag. 
VIII u. 432 S. gr. 8°, reich illustriert. 
Preis brosch. Mk. 9.—. In Ganzleinen geb. Mk. 10.50. 



Prof. Dr. A. Schultz, einer der ersten Kenner der Kunstgeschichte 
und der Geschichte der Privataltertümer, der diesem Stoff schon mehrere 
sehr ausführliche Werke gewidmet hat, fafst ihn hier in knapper und doch 
auch gerade dem Bedürfnis der Wissenschaft Rechnung tragender Form zu- 
sammen. 



Voraussichtlich werden sich folgende Teile des Handbuches zunächst 
an schlief sen : 

Kretschmer, Historische Geographie. 
Tangl, Paläographie. 

Loserth, Geschichte des späteren Mittelalters. 

Immich, Geschichte des europäischen Staatensystems 1648 — 1789. 

Baefmker, Die mittelalterliche Weltanschauung. 



"Verlag von R. Oldenbourg in München und Berlin. 



Seit 1859 erscheint : 

Historische Zeitschrift. 

(Begründet von Heinrich v. Sybel.) 

Unter Mitwirkung von Paul Bailleu, Louis Erhardt, Otto Hintze, Max Lenz, 
Sigmund Kiezler, Moritz Ritter, Konrad Varrentrapp, Karl Zeumer. 

Herausgegeben von Friedrich Meinecke. 

Jährlich 2 Bände zu je 3 Heften = 1152 Seiten 8°. Preis eines Bandes Mk. 11.25. 



Für die seit 1877 erscheinende Neue Folge, welche eröffnet wurde, um neu ein- 
tretenden Abonnenten eine in der Bänderreihe vollständige Sammlung bieten zu 
können, und die bis inkl. 1902 die Bände 1—53 (der ganzen Reihe Bd. 37—89) 

umfafst, wurde der Preis von Mk. 591.50 auf Mk. 180.— ermäfsigt. 
Einzelne Bünde (mit Ausnahme der seit 1900 erschienenen), soweit noch 
vorhanden, für ä Mk. 5. — . 

Die >Historische Zeitschrift ist seit ihrer Gründung durch Heinrich 
v. Sybel im Jahre 1859 das führende Organ der deutschen Geschichtschreibung 
und' Forschung gewesen und bis heute geblieben. Unter den grofsen und 
bedeutenden deutschen Historikern dieser vier Jahrzehnte gibt es nicht einen, 
der nicht zu den Mitarbeitern der »Historischen Zeitschrift« gezählt hätte. 
Nach dem Tode Heinrich v. Sybels im Jahre 1895 hat Heinrich v. Treitschke 
die Stellung des ersten Herausgebers der Zeitschrift übernommen und hat das 
Letzte, was er schrieb, für sie geschrieben. Nach seinem Tode ist dann ein 
Kreis von namhaften älteren und jüngeren Historikern dem bisherigen Re- 
dakteur und nunmehrigen alleinigen Herausgeber zur Seite getreten, um die 
Zeitschrift auf ihrer bisherigen Höhe erhalten zu helfen. 

Geist und Charakter der Zeitschrift dürfen als jedem Historiker bekannt 
gelten. Sie ist, wie sie das von vornherein wollte, vor allem eine wissen- 
schaftliche und kennt keine anderen Mafsstäbe als die der wissenschaftlichen 
Methode. Sie setzt ihren Stolz darin, völlig unabhängig zu sein von dem Ein- 
flüsse bestimmter Parteien wie bestimmter Persönlichkeiten. Sie umfafst, in 
ihren Aufsätzen wie in ihrem kritischen Teil, das ganze Gebiet der Geschichte, 
nicht nur politische, sondern auch Geistes-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, 
legt aber das Schwergewicht dabei einerseits auf alles, was den Zusammen- 
hang zwischen Staats- und Kulturleben erläutert, anderseits auf Stoffe, wie 
es in dem Programm von 1859 schon heilst, >welche mit dem Leben der 
Gegenwart einen noch lebenden Zusammenhang haben«. 

Die »Historische Zeitschrift« bringt 1) Aufsätze, 2) Miscellen (kleinere 
Exkurse über Einzelfragen oder interessante Aktenstücke, zumal zur Geschichte 
des 19. Jahrhunderts), 3) Literaturbericht (Rezensionen von gröfserem und 
kleinerem Umfange), 4) Notizen und Nachrichten. Diese vierte, 1893 ein- 
gerichtete Abteilung ist von den Fachgenossen besonders dankbar und warm 
begrüfst worden. Sie enthält eine in der Hauptsache chronologisch geordnete 
und in 9 Abteilungen (Allgemeines; alte Geschichte; römisch-germanische 
Zeit und frühes Mittelalter; späteres Mittelalter; Reformation und Gegen- 
reformation; 1648 — 1789; neuere Geschichte seit 1789; deutsche Landschaften; 
Vermischtes) gegliederte kritische, bezw. referierende Übersicht über die wich- 
tigeren Aufsätze und Quellenveröffentlichungen der in- und ausländischen 
Zeitschriftenliteratur. 

Die Abteilung »Deutsche Landschaften« dient insbesondere den jetzt 
so rege betriebenen provinzialgeschichtlichen Studien. 

Die Abteilung »Vermischtes« bringt Nachrichten über die Arbeiten der 
Publikationsinstitute, Preisaufgaben und nekrologische Notizen. 



Verlag von R. Oldenbourg in München und Berlin. 



Politische Geographie 

oder die Geographie der Staaten, des Verkehres 
und des Krieges. 

Von 

Dr. Friedrich Ratzel, 

Professor der Geographie an der Universität zu Leipzig. 



Zweite, vermehrte u. verbesserte Auflage. Mit 40 Kartenskizzen. 
XVII und 838 Seiten grofs 8°. 
Preis brosch. M. 18. — , in Ganzleinen geb. Mk. 20. — . 



Die erste Auflage dieses grundlegenden Werkes, das bei seinem Er 
scheinen das gröfste Interesse in der wissenschaftlichen Welt des In- und 
Auslandes erregte, ist seit längerer Zeit vergriffen. Die neue Ausgabe wird 
aufser der selbstverständlichen Verbesserung vieler Angaben durch die neuen 
Abschnitte : 

Geographie des Verkehres und des Krieges 

vermehrt werden, wodurch der neuen Auflage auch das Interesse der Besitzer 
der ersten Auflage gesichert ist. 

Dieses bahnbrechende Werk ist nicht nur für Geographen vom Fach, 
sondern für alle diejenigen geschrieben, die sich aus Beruf oder Neigung für 
eine volle Würdigung der geographischen Grundlagen der moderneren Staats- 
wesen interessieren. 



. . . Nicht blofs der Fachmann, sondern auch der Laie und der Staats- 
mann wird das Buch mit Gewinn lesen. 

„Globus", Illustr. Zeitschr. f. Länder- und Völkerkunde. 

. . . Hier zuerst sind die geschichtlichen Tatsachen aller Zeiten und 
aller Länder zur Ermittelung der geographischen Grundfesten der Politik 
herangezogen worden. Die Historiker und Staatswissenschaftler mögen aus 
diesem Buch lernen, dafs die Staaten nicht äufserlich, sondern in ihrem 
innersten Wesen mit ihrem Boden zusammenhängen ; und die Geographen 
mögen aus ihm eine tiefere Überzeugung davon schöpfen, dafs „politische 
Geographie" nicht aus geistlosem statistischem Kram von Zahlen und ephe- 
meren Grenzzügen besteht, dafs vielmehr das staatliche Werden in Abhängig- 
keit wie in mächtiger Beeinflussung mit der physischen Eigenart eines jeden 
bewohnten Landes tief innerlich verknüpft ist . . . 

„Verhandlungen der Gesellschaft fUr Erdkunde Berlin." 



"Verlag von R. Oldenbourg in München und Ber)lHin. 



Neue billige Ausgabe 

des Werkes : 

Die Begründung des Deutschen Reichfies 

durch Wilhelm I. 



vornehmlich 
nach den preufsischen 

Staatsakten 




Heinrich von 
Sybel. 



Mit dem Bildnis des Verfassers und ausführlichem Saehregnstster. 

7 elegante Ganzleinenbände M. 24.50. 



Der Preis der allgemeinen Ausgabe ist von Mk. 66.50 auf M. 35. — (Lvwd'd.) 

herabgesetzt. 

Die neue Ausgabe kann komplett auf einmal oder in monatlichen Bäintfden 
a Mk. 3.50 bezogen werden. 




Selten ist ein Werk mit so grofser Freude begrüfst 
und mit solchem Interesse aufgenommen worden wie 
Sybels monumentale »Begründung des Deutschen 
Reiches«. Die gesamte Presse aller Richtungen und po- 
litischen Anschauungen beglückwünschte das deutsche 
Volk zu der ebenso begeisterten und warm gefühlten, 
als wissenschaftlich korrekten Darstellung der macht- 
vollen Entwicklung unseres Vaterlandes. 

Bekanntlich sind Sybel seinerzeit zur Benutzung 
für sein Werk die Archive des auswärtigen Amtes und 
des preufsischen Ministeriums in anzuerkennender Libe- 
ralität weit geöffnet gewesen, was vor und nach Sybel 
keinem Historiker gestattet war, bezw. wurde. Aus 
diesem überreichen Material hat Sybel mit staunens- 
wertem Fleifse und meisterhaftem Geschick ein authen- 
tisches Bild der Entwicklung des Deutschen Reiches 
und der seiner Aufrichtung vorhergegangenen Kämpfe gezeichnet und ums 
damit einen so vielseitigen und tiefen Blick in die zeitgenössische Geschichte 
ermöglicht, wie es keinem Volk in gleichem Mafse geboten ist. 

Der Fachmann wird stets auf dieses grundlegende Werk, um das uns 
das Ausland beneidet, zurückgreifen müssen, dem Nichtfachmann, dessen 
Interesse an guter, vaterländischer Geschichte nicht geschwunden ist, kann 
kein Werk mehr empfohlen werden als das Sybelsche, das Schärfe der Kritik, 
wie Wärme des Gemütes, Liebe zur Wahrheit, wie Liebe zum Vaterland, Tiefe 
der Forschung und wissenschaftlichen Ernst, verbunden mit einer muster- 
gültigen Gestaltung von köstlicher Klarheit, in sich vereinigt. 



Heinrich von Sybel, 
geboren zu Düsseldor/f, 
2. Dezember 1817. 



J